Der Liebesroman
Die Idee zum "unendlichen" Liebesroman entstand aus einer Kaffeekränzchenlaune heraus. Wir wollten testen, was dabei herauskommt, wenn wir Frauen, die längst die "40" überschritten haben, über die Liebe schreiben. Aus diesem Grund sind der Inhalt dieser Erzählung und die Namen und Personen wirklich frei erfunden. Jedliche Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig. Die genannten Marken - bzw. Firmennamen und Ähnlichkeiten mit Tatsachen sind unserer Phantasie entsprungen. Alles was wir hier schreiben, ist Klamauk und für Leute mit Humor. Ein Bezug von beschriebenen Situationen zur realen Welt ist rein zufällig, nie intendiert und unterliegt der Täuschung des Lesers. Wer hier ernsthafte Lyrik erwartet. muss nicht weiterlesen. Wer Humor liebt, kann sich überraschen lassen und darf ebenso frisch fröhlich an unserem Roman mitschreiben! Wer die Geschichte weiter vervollständigen möchte, klickt hier ...
Der Liebesroman - Was bisher geschah ...
Es war ein grauer Sommertag und ...
die Sonne hatte sich hinter einer dicken Regenwolke versteckt.
Die junge, hübsche Tochter des Grafen lief durch den Park des
großen Anwesens und hing ihren Gedanken nach. Diese waren trüb wie der Tag.
Es ist jetzt sieben Tage her, als John das letzte Mal mit ihr gesprochen hatte.
Was hatte sie nur getan? Wie konnte sie den Stallburschen nur so verärgern?
Sie hatte doch nichts Unmögliches verlangt. Sie wollte ihn doch nicht verletzen.
Aber es gab doch nun wirklich keine Zukunft für sie. Consuela liefen dicke Tränen
über die blassen Wangen. Von weitem hörte sie die Stimme ihrer Mutter, die sie rief.
"Consuela, komm schnell! Vincent steht vor der Tür. Er will Dich sprechen!"
Sie flüsterte: "Vincent? Das kann doch nicht wahr sein! Schon wieder lila
Tulpen? Nur weil ich einmal mit ihm Walzer getanzt habe, muss er mir doch
nicht ständig Blumen bringen!" Sie würde ihn zu gerne rausschmeißen.
Aber als sie die große Treppe hinauflief, hörte sie ihn mit Mutter schon
fröhlich im Wintergarten plaudern. Die Blumen hielt er noch in der Hand.
Und sie dachte: "Bestimmt hat Mutter wieder einen Schuss Rum in den Tee getan",
denn so herzhaft lachte die Mutter nur wenn sie angeschwippst war.
Und dieser Vincent war auch zu vergesslich, denn sie hatte ihm doch
allzu deutlich klar gemacht, dass sie Tulpen nicht leiden kann,
denn sie erinnern sie immer wieder schmerzlich an die Nacht mit
Vincent's Zwillingsbruder Francois in Amsterdam.
Sie nahm einen Schluck von Mutters Tee, um sich zu stärken.
Sie schmeckte sofort, dass der Rum nicht aus einem Fachgeschäft war.
Sie musste husten. Consuela schaut Vincent in die Augen und denkt sofort an
Francois. Die beiden Zwillingsbrüder kann man nicht nur an den Ohrläppchen unterscheiden.
Vincent ist ein kühler Beamter. Francois hingegen ist Klavierspieler aus Leidenschaft und
in den Metropolen dieser Welt zu Hause. Er ist auch Hobby-Tulpenzüchter und er ist Consuelas große Liebe.
Seine Hände, so rank und schlank und sein After Shave - wie gern würde sie noch mal dran schnuppern.
In jener Nacht in Amsterdam, es war ihre letzte Nacht, brach er ihr das Herz. Denn sie wollte dieses
Mal keiner Sonate in d-Moll lauschen oder eine neue Tulpensorte taufen. Sie wollte mehr.
Sehnsüchtig wünschte sie sich in jeder Nacht, eine Taste seines Klaviers zu sein, eine Note in
seinem Notenheft, ein Notenschlüssel oder auch nur der Klavierschemel, auf dem er saß. Der Wunsch,
Francois nahe zu sein, bestimmte ihre nächtlichen Gedanken. Wie gern würde sie jetzt Vincent die
lila Tulpen aus der Hand reißen und sie ihm um die Ohren schlagen und würde das Lied von Tic Tac Toe
"Verpiss dich!" dabei singen. Francois? Vincent? Was aber war mit John, dem knackigen Stallburschen?
Vincent wollte bis zum Abendessen bleiben, aber Consuela entschied sehr schroff: "Vincent,
Du musst jetzt gehen. Verabschiede Dich von meiner Mutter und mach die Tür von draußen zu!"
Consuela hat sich mit Babette, ihrer besten Freundin, zum Mitternachts-Shopping verabredet
und absolut keine Zeit mehr für Vincent. Von Babette würde sie vielleicht Neuigkeiten über
John erfahren, denn die beiden sind schon einige Jahre miteinander befreundet. Consuela freut
sich auf die Einkaufsnacht in der City. Vincent hat inzwischen das Haus verlassen und ist mit
seinem Cabrio die lange Allee hinunter gefahren.
Vincents Magen knurrte und wenn er an das Menü dachte, das es an diesem Abend geben sollte,
lief im die Spucke aus dem Mund. Es sollte sein Lieblingsgericht geben. Grünkohl und Pinkel!!!
Warum nur war Consuela heute so schroff zu ihm? Lila Tulpen hatte er ihr gebracht. Damit hatte er
bisher noch jedes Frauen Herz erobert. Des Grafen Küchenmädchen Brigitte hatte ihn auch heute wieder
lüstern angepackt. Hätte er nur ihr die Blumenpracht geschenkt, dann wäre er wenigstens satt jetzt!
Vincent wusste natürlich nichts von den Sehnsüchten Consuelas,
die 1000mal lieber Francois in seine grünen Augen geblickt hätte,
denn sie erinnern sie sooo sehr an den Grünkohl, dessen verlockender Duft
schon durch alle Räume des Schlosses zog.
Jedoch wollte sie das Mahl mit niemandem - auch nicht mit Vincent -
teilen und sollte er auch als Tulpe verkleidet daherkommen.
Heimlich schlich sie in die Küche und nahm den großen eisernen Schlüssel
zur Schlossküche an sich und verließ durch die Geheimtür -
nicht ohne einen großen Klecks Grünkohl im Mund (puhhh das war heiß) -
die Küche. Schnell lief sie zum Brunnen um
sich die Blasen auf ihrer Zunge zu kühlen. Ihr wurde bewusst, dass sie mit
Grünkohl im Magen auf den Kauf eines neuen Designerkleides verzichten muss.
Sie sagte Babette ohne Gründe ab und legte sich schlafen. Brigitte merkte
inzwischen, dass sie in der Küche eingeschlossen war.
Zum Glück hatte sie noch einen zarten Schinken und ein Schwarzbier im Lager.
Vielleicht klopft ja noch jemand ans Schlossküchenfenster. Der Graf war noch
nicht zu Hause. "Herr Graf hat bestimmt noch Hunger, bevor er zur Gräfin
hinauf poltert?" dachte Brigitte. Frau Gräfin schnarcht inzwischen so laut,
dass die Eulen im Park ihre Nester verlassen.
Brigitte bekommt Appetit auf zwei Spiegeleier.
Sie haut zwei Mittelgroße in die Pfanne und träumt dabei von
der nächsten Folge der Lindenstraße in der ihr großes Vorbild die Helga
Beimer ihre Probleme auch immer mit den Spiegeleiern besprach!
Bei jedem Bissen den sie heißhungrig herunter schlang überlegte
sie wie ihre geliebte Serienmutter wohl in ihrer Lage gehandelt hätte.
Ganz in Gedanken versunken nahm sie den Flaschenöffner,
öffnete die letzte Flasche Schwarzbier und nahm einen großen Schluck -
doch pfuiiii, was war das - na warte dachte Brigitte - da hatte die Gräfin
doch heimlich die Flasche ausgetrunken und mit Maggi wieder aufgefüllt!
Kein Wunder dachte Brigitte, dass die mal wieder so laut schnarcht -
na warte dachte sie, der werd ich helfen!

Brigitte überlegte, wie sie es der Gräfin heimzahlen könnte. Pah, Gräfin Gunilla von Flandern! Eine versoffene, eingebildete und arrogante Pute war sie. In diesem Moment hörte sie ein Auto vorfahren. Der Graf kam nach Hause. Spät kam er. Wo hatte er wieder seine Zeit verbracht und mit wem? Graf Guiseppe, den sie in ihren Gedanken nur liebevoll Seppl nannte, war ein äußerst attraktiver Mann. Mit ihm würde sie auch zu gern mal Austern von der Piknickdecke schlürfen ... wenn er nur wollte! Brigitte hörte seine festen Schritte auf der Kiesauffahrt. "Herr Graf" rief sie, "Herr Grahhhaf, hier unten, in der Küche ... hiiiieer! Bitte machen sie mir die Tür auf ... ich bin eingeschlossen". Sollte Brigitte dem Grafen vom Alkoholbeschaffungs- und Vertuschungsmanöver seiner Frau erzählen? Doch halt! Neiiin - warum sollte sie das tun? Es ist immer gut, etwas zu wissen, was einem mal in einer verzwickten Situation behilflich sein konnte! Gerade, als sie das zu Ende gedacht hatte, drehte sich der große eiserne Schlüssel und der Graf trat ein mit dem schönsten Lächeln der Welt. Trotz seines Silberblickes, fasste er Brigitte unter die Arme, drehte sich mit ihr im Kreis und rief: "Freu Dich mit mir kleine süße Maus - ich hab endlich das Auto ersteigert, auf das ich schon soooo lange gewartet hatte - Trabant 601S - freust du dich mit mir?" Und plötzlich waren sich ihre Lippen ganz nah und sie sahen sich tief in die Augen. Da plötzlich hörten sie Schritte auf der Treppe. Schlaftrunken taumelnd und angetrunken stolperte die Gräfin in die Küche. Sie blickte sich um, rieb sich die Augen, ging zum Kühlschrank, schnappte sich eine Flasche Wasser und verschwand wieder - wie der Poltergeist. Guiseppe sah Brigitte verwundert an. Was war denn mit Gunilla los? Brigitte würde jetzt gern da weitermachen, wo sie aufgehört hatten, doch der Graf stürzte hinter Gunilla her. Brigitte war sauer. "Und jetzt reicht es mir! Dieses Grafenpack gönnt mir gar nichts. Jetzt fresse ich denen die Speisekammer leer! Das haben sie nun davon!" Sie holte den dicken Schinken, die Schokoladentorte und den Wein - den Besten - und summte das Liedchen vom himmelblauen Trabant. Sie sah sich mit dem Grafen und dem Trabant in Richtung Balaton fahren, den Klapp-Fix obendrauf. Brigitte kann sich gar nicht mehr erinnern, wann sie das letzte Mal eine Reise gemacht hat. Es ist schon ewig her. Consuelas Zimmer wurde inzwischen von der Morgensonne durchflutet, so dass sie nicht mehr schlafen konnte. Der Grünkohl rumpelte immer noch im Magen. Consuela fiel ein, dass sie noch einen Magenbitter im Nachtschrank hatte. Sie ging zum Fenster und nahm einen kräftigen Schluck und traute ihren Augen nicht. Was sah sie unten in der Hofeinfahrt stehen? "Ein Trabbi, ein Trabbi! Juhuuu!" rief sie ganz laut und lief wie von der Tarantel gestochen die Treppe herunter. Und wie sie so um den tollen Wagen herum tänzelte, näherte sich John auf seinem Hengst "Florian". Er beobachtete Consuela eine Weile, sie bemerkte ihn nicht. Doch dann rief John "Stopp!" Dieses "Stopp" kam so laut aus ihm heraus, dass Gräfin Gunilla oben in ihrem Gemach vor Schreck aus dem Bett fiel. Consuela erblickte John und wurde kreidebleich. Sie konnte vor Aufregung nicht in Ohnmacht fallen. John lächelte sie an und fragte: "Na, hat Papis Lieblingstochter ein neues Wägelchen bekommen? Wie unromantisch - ein himmelblauer Trabant! Pffff… Ich hab mich für einen Datschia angemeldet und ich muss auch nur noch 4einhalb Jahre warten! Und bis dahin tut´s mein altes Mokick immer noch!" Consulea lächelte John hämisch an und fragte: "Wen willste mit dem zitronengelben Mokick denn beeindrucken? Da kannst du höchstens Brigitte noch ne Freude machen, wenn du sie durch ihren Kräutergarten fährst!" John saß auf seinem Gaul und schnappte nach Luft. Was für eine Frechheit. Verwöhnte Grafentochter. Er wollte eigentlich am Samstag sein Mokick schmücken mit Bändern und Rasseln an den Speichen und wollte sie zum Dorftanz abholen. Nun aber rief er nur laut und aufgebracht: "Dann frage ich eben meine Frau, ob sie mit mir tanzen geht! Das hast Du nun davon!"

John drehte sich schlagartig um und ritt verärgert davon. Dass er ausgerechnet Pamela ins Spiel gebracht hatte, wo er doch mit ihr im Moment nicht sehr glücklich ist. John ist seit 2 Jahren mit Pamela verheiratet. Früher war Pamela schlank und lustig. Seit sie in der Dorfbäckerei als Verkäuferin arbeitet, ist alles anders. Sie hat sich so verändert. John bekommt zum Abendessen nur noch Streusselschnecken statt Salzkartoffeln. Früher gab's Sonntags Kohlrouladen, heute stellt sie ihm Windbeutel in den Flur. Wie soll ein Mann das auf Dauer aushalten? John hat neulich gehört, wie Pamela im Schlaf von Quarkkuchen und Mohnkränzen geschwafelt hat. Langsam macht er sich Sorgen um seine Ehefrau. Soll er wirklich am Samstag mit ihr tanzen gehen? Er tätschelt "Florian" liebevoll und sagt zu ihm: "Florian, mein Bester, jetzt ist Holland in Not. Ich kann doch nicht Pamela fragen, ob sie mit mir zum Tanz geht. Die bringt es fertig und sagt ja. Ich seh sie schon vor mir, in ihrem neuen Pullover - in lila und beige. Der erinnert an Pflaumenkuchen mit Streuseln. Niemals!!!" Er wird Babette fragen. Sie geht mit ihm doch vom Nordpol zum Südpol zu Fuß, da geht sie auch mit ihm zum Tanz. Pamela wollte eh mit ihrer Mutter ein neues Buttercremerezept ausprobieren. Ich ruf Babette gleich mal an. Er wählte 333 auf dem Telefon und lauschte einer Damenstimme, die ziemlich laut stöhnte. Hatte er sich verwählt? Das war doch niemals Babette am anderen Ende der Leitung! "Hallo, schöne Frau ... können Sie auch normal reden?" Die Dame antworte mehrmals hintereinander mit "Ja, jaa, jaaa, jaaaaaaa"! Das war ihm definitiv dreimal zuviel. Er legte mürrisch auf. Irgendwie musste er Babette erreichen. Er sprang auf sein zitronengelbes Mokick und fuhr selbst zu ihr hin. Bei ihr angekommen, hetzte er die 5 Treppen nach oben und klingelte. Die Tür ging auf und Babette stand in einem rosafarbenen Baumwollnachthemd vor ihm. Er bebt innerlich. Er bemerkt in ihrer rechten Hand ein Telefon und in der linken Hand ein Stück Pflaumenkuchen. Nein, keinen Pflaumenkuchen! Gedanken an Pamela melden sich an, die aber bei dem Anblick Babette´s im rosa Baumwollnachthemd sofort verfliegen. "Oh Babette…wie schön du bist! Und rosa steht dir fantastisch!" Babette sah John verwundert an. "Du? Hier? Stell dir vor John, ich war gerade am telefonieren und der blöde Kerl hat einfach aufgelegt. Aber sag John, was führt dich zu mir?" John begann zu stammeln: "Najaa hmm (er kratzt sich am Kinn) der "blöde Kerl" das war ich. Als ich deine Stimme erkannte musste ich sofort zu Dir, denn ich such noch eine Chefin für mein Call-Center! Und bis vorhin hab ich noch nie so ein leidenschaftliches und erotisches "ja, jaa, jaaa, jaaaa" gehört. Wie konntest Du nur so lange dein großes Talent vor mir verbergen?" Babette ergriff ihn bei den Händen und zog ihn in ihre Wohnung, denn sie sah, wie sie beide durch den Spion der Nachbarin beobachtet wurden. Doch hinter der Tür umschlang sie John, küsste ihn mit all ihrer sehnsuchtsvollen Leidenschaft. Babette zog ihn in die Küche ihrer kleinen WBS70-Einraumwohnung: "Komm ich koch uns einen Kamillentee und dabei besprechen wir alle Einzelheiten."

In Johns Kopf kreisten die Gedanken nur um einen Punkt: Wie sollte er das seiner Geliebten Gunilla beibringen, die schon dabei war, sich für die Stelle der Centerchefin eine erotische Stimme anzutrinken und dabei fiel ihm ein, dass er ja die Gräfin Gunilla nicht wirklich liebte, sondern eher für sein neu gegründetes Call-Center benutzen wollte. Ja, Gunilla weiß ganz genau über die gewisse Etikette am Telefon Bescheid. Mit ihr würde der Rubel rollen. Aber das nützte ihm in diesem Moment nicht viel. Er trank mit Babette den Kamillentee und schaute auf ihr hübsches Nachthemd. Und wie er so die unechten Strass-Steinchen auf ihrem Kragen zählte, fiel ihm ein, dass Pamela schon auf dem Heimweg war. Er stand auf und sagte: "Liebste Babette, es tut mir so leid, aber ich kann nicht bleiben. Nicht diese Nacht." Ihr schossen die Tränen in die Augen. Er gab zu verstehen: "Pamela kommt heute eher nach Hause mit einem Rumkuchen! Der ist für die Gräfin Gunilla! Ich muss den Kuchen noch ins Schloss bringen, sonst ist die Gräfin schlecht gelaunt und Consuela redet wieder Wochen nicht mit mir. Vom Grafen Guiseppe ganz abgesehen. Der Arme bekommt alles ab, wenn Frau Gräfin ihre Whisky-Plätzchen alle sind. Ich kann Dir sagen!" Babette brachte ihn noch zur Tür und sagte: "Dann geh doch, du doofer Heini. Wirst schon sehen, was Du davon hast." John polterte die Treppen hinunter und brummte: "Immer dasselbe mit den Weibern! Bei Gunilla sind die Steine wenigstens echt und ich bekomme sicher ein paar davon geschenkt für meinen Traumwagen, dem Datschia!" Er pfiff sich eins und schwang sich auf sein Mokick. Und John war stolz auf sich, denn er hatte sich vom Grafen schon viel abgeschaut. Denn er kannte den Grafen schon, als der noch ein armer Tellerwäscher, in der Spaghetteria-Kette des alten Grafen Don Beppone - Gunillas Vater - war. Dass der Graf, wie er, aus sehr armen Verhältnissen stammte, war Johns Geheimnis, denn nur er wusste von der Schönheitsoperation des Grafen in der Bodenseeklinik - und irgendwann würde ihm das bestimmt einmal viel nutzen.
Zu Hause angekommen fand er in der Küche den Kuchen für die Gräfin, mit einem Zettel von Pamela auf dem stand: "Geliebter John, hier ist die Rumtorte für die Gräfin. Bring sie bitte sofort ins Schloß, sonst verfliegt der Alkohol. Ich bin noch mit einer Kollegin zur Wahl der Miss Zuckerschnecke 2006. Komm bitte nicht so spät heim, denn sollte ich gewinnen, macht die Zeitschrift "Der Zuckerspiegel" noch heute Abend eine Homestory von uns! Bis bald! Einen zuckersüßen Kuss, Deine Pamela!" John zerknüllte angewidert den Zettel. Er öffnete die Tortenschachtel und probierte vorsichtig eine Rumkugel. *Hmmmm ... die war doch mal lecker - und in Windeseile hatte er die halbe Torte aufgegessen. Da klingelte sein Handy: "John Bachmann" lallte er ins Telefon. Dieser Kuchen hatte es in sich. Am anderen Ende hörte man die aufgebrachte Stimme der Gräfin Gunilla: "Seit wann heißt Du Bachmann? Du heißt doch Pechmann, Du Turnbeutelvergesser!" John konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, aber immer wieder leckte er die Tortenschaufel ab. Gräfin Gunilla flötete durchs Telefon: "Und wo bleibt meine Torte? Ich wollte sie noch vor den Austern verzehren. Wenn man sich auf einen Mann wie Dich verlässt, dann geht doch alles schief!" Die Gräfin legte einfach auf. John hat den Rest der Torte nun auch noch aufgegessen und schlief langsam auf dem Küchenstuhl ein. Die Gräfin hingegen hatte sich vorsichtshalber im Konsum noch eine Packung Weinbrandbohnen besorgt. Die lutschte sie genüsslich auf, während sie und der Graf auf dem Sofa saßen und der "Musikantenscheune" ihre ganze Aufmerksamkeit schenkten. Gräfin Gunilla findet Blasmusik besonders schön und eigentlich wollte sie immer einen Mandolinenspieler heiraten. Die beiden saßen so vertraut auf der Couch und des Grafen Füße wackelten im Takt mit und er lächelte seine Gunilla an und sagte: "Mein Mädel, du siehst so verführerisch aus, mit der Weinbrandbohne im Mundwinkel und dem Dirndl mit den Hirschhornknöpfen. Ein echt heißer Feger!" Gunilla lächelte ihn an und ihre Hand schob das Trachtenkleid noch einige Zentimeter höher. In diesem Moment stürmte Consuela ins Zimmer. "Hat denn der Hansi Vordergucker schon gesungen?" In der Hand hielt sie ihren Kassettenrecorder und ein Mikrofon. "Wenn er dran ist, musst ihr ganz still sein! Ich will das Lied aufnehmen." Sie trällerte die ersten Silben von den wippenden Wipfeln. Guiseppe sah sie verstört an. "Consuela, als wir in deinem Alter waren, rockten wir noch zu den wilden Rhythmen der Puddys und der Gruppe Kreisel." Consuela winkte nur gleichgültig ab und meinte: "Mensch Leute, ich brauch die Aufnahme für unsere nächste Karaoke-Party. Die steht ganz im Zeichen der Alpen. Und da möchte ich doch gewinnen!" Gunilla und Guiseppe hörten eigentlich gar nicht mehr ihrer Tochter zu, sie spürten sich auf einmal so nahe und das genügte, um an den Erfolg ihrer Tochter beim Singen zu glauben.
Inzwischen ist John auf seinem Küchenstuhl aufgewacht, weil Pamela die Tür beim Hereinkommen aus der Hand gefallen war. Sie trug auf dem Kopf einen Kranz aus Kräuterbutter. An ihrem Gesicht konnte John erkennen, dass sie nicht "Miss Zuckerschnecke 2006" geworden ist. Im Gegenteil, sie hat den letzten Platz gemacht. Auf der Urkunde stand: "Herzlichen Glückwunsch zur Miss Saure Sahne 2008!" Als John das las, musste er so laut lachen, dass Pamela in Tränen ausbrach und von ihm die sofortige Scheidung verlangte. John konnte sich vor lauter Wiehern nicht beruhigen und sagte zu ihr: "Komm mal her." Er griff Pamela bei der Hand und zog sie auf seinen Schoss. "Für mich bist du die süßeste Zuckerssccchhhnnneeekkke der Welt und wirst es auch immer bleiben" lallte er ihr ins Ohr! Pamela konnte gar nicht so recht glauben was sie da hörte, denn sie hatte in der Küche die heruntergefallenen Krümel der Rumtorte liegen sehen und wusste natürlich sofort, wer sie genascht hatte. Aber sie konnte ihrem John nicht böse sein, zumal sie als Trostpreis einen Kräuterbutterkranz bekommen hatte und morgen daraus ein leckeres Mahl für alle - Kräuterbuttersteak - zaubern konnte. Was machte es da schon aus, dass ab und an eine Locke von ihr in der Butter klebte.
Während die beiden eng umschlungen in der Küche saßen, dröhnten durch das ganze Schloss die Karaokeklänge Consuelas: "Wo die grünen Wipfel wippen, wo die Wassermühle rauscht. Wo der Förster beim Schnee schippen, Fuchs und Elster heimlich belauscht" singt Consuela den Hansi-Song. Damit gewinnt sie, das ist sicher! Brigitte hörte diese Gesänge in der Küche und dachte: "Kann nicht mal jemand diese Blechbüchse entsorgen?" Sie stickt sich gerade ein Edelweiß auf ihre Bluse. Die wird sie tragen zur großen Karaokeshow. Denn sie singt mit! Sie wird Seppl (Graf Guiseppe von Flandern) schon dazu bringen, mit ihr das Lied von Monika Knauf und Klaus-Dieter Henkel "Auf die Bäume, ihr Affen, der Wald wird gefegt" zu singen. Als Highlight hatte sie sich etwas ganz Tolles überlegt und sie verfiel in Träume. Sie sah sich mit dem Grafen im Duett singen. Als Zugabe hat sie sich den großen Hit "Heißer Sommer" ausgesucht. Das wäre der Hammer, dachte sie. Sie würde gern bei dem Lied alle Hüllen fallen lassen. Schließlich hat sie früher immer den FKK-Strand an der Ostsee belagert. Na gut, das sind ein paar Jährchen her, aber schließlich will sie ja am Samstag gewinnen. Und Consuela traut sich ja nicht mal, ihren Tiroler-Hut abzusetzen. Also wäre Brigitte klar im Vorteil. "Ach, wäre das schön, ich würde gewinnen!" dachte Brigitte. Plötzlich ging die Küchentür auf und Consuela kam herein, um sich ein paar Scheiben vom Camembert aus dem Lager zu holen. Ohne Camembert kann Consuela so schlecht einschlafen. "Na Brigitte, machste am Samstag etwa auch mit?" fragte Consuela. "Na klar, ich singe mit Deinem Vater im Duett!". "Au Backe, das wird ja ein Spaß. Vater singt schon den ganzen Tag "Rolling Home" vor dem Spiegel!" freute sich Consuela. Brigitte schaute mürrisch drein und stickte weiter an ihrer Blusenverzierung. Was Consuela nicht wusste, war natürlich, dass das Edelweiß auf Brigittes Blusenärmel nur Tarnung war. Auftreten wird Brigitte auf jeden Fall im enzianblauen Bikini, das steht so fest wie der Fernsehturm in Berlin! "Was ziehste denn an?" fragte Consuela neugierig nach. "Mal schaun" sagte Brigitte und bemerkte flüsternder Weise: "Das werd ich dir gerade auf die Nase binden." Und laut sagte sie: "Die Bluse hier und den Glockenrock mit den Stiefmütterchen am Saum." Consuela lachte laut auf: "Das passt zu dir! Damit hast du gute Chancen! Und das hübsch gestickte Edelweiß auf dem Ärmel, erinnert auch überhaupt nicht an das Emblem auf ner Pionierbluse." Sie schnappte sich den Camembertkäse und verschwand.

Brigitte beguckte sich ihr Werk und lächelte lüstern. Wenn DIE wüsste. Ha, die Bluse wird sie tragen, wenn sie ihren Seppl zum Almabtrieb begleiten wird. Dieses Jahr wird er sie ganz sicher mitnehmen. Letztes Jahr war er mit Gunilla. Die hatte den selbst gebrannten Enzian nicht vertragen und war die komplette Almwiese runtergerollt. Guiseppe hatte ihr hinterher gerufen: "Nächstes Jahr bleibst du zu Hause, wenn du nicht schon in der Trinkerheilanstalt bist, da nehme ich Brigitte mit!!!" Brigitte träumte noch vor sich hin, als wieder die große, schwere Küchentür aufgestoßen wurde. Herein kam Graf Guiseppe mit einer Blockflöte in der Hand. Er fragte: "Brigitte, müssen wir wirklich am Samstag gemeinsam singen? Kann ich nicht flöten und Du tanzt? Ich stecke Dich in einen Rattan-Korb und Du schlängelst Dich bei meinen Flötentönen heraus. Wäre das eine gute Idee?" Brigitte schaute misstrauisch. Was hatte Guiseppe vor? Sie hatte so eine Showeinlage schon mal im Fernsehen gesehen. Aber erstens war die Dame sehr schlank, die da aus dem Korb kam und zweitens ... was passiert, wenn der Deckel nicht aufgeht und Brigitte drin steckt wie ein Hot-Dog im Brötchen? "Nee, nee" dachte Brigitte "so geht das nicht!" Sie antwortete: "Seppl, ich dachte, Du liebst mich!" Der Graf wurde rot und bekam gleichzeitig ne Gänsehaut. Hatte er etwa Angst vor seiner Gunilla? Die Gräfin findet die ganze Karaoke-Show so was von blöd. Gunilla würde am Samstag liebend gern in die Oper gehen. Was soll er tun? Der Graf verschwand wortlos und Brigitte stach sich mit der Nadel in den Daumen. Noch bevor Brigitte in den Tiefschlaf verfallen konnte, ging schon wieder die Küchentür auf und John kam herein. Er brachte die leere Kuchenplatte für die Gräfin. John sah Brigitte und ihren Daumen und versank in Mitleid. Brigitte fragte ganz leise: "Sag mal John, wie groß muss ein Rattan-Korb sein, damit ich gemütlich hineinpasse?" John verstand die Frage nicht wirklich, aber er antwortete ganz ehrlich indem er um sie herum ging und dabei seinen Kinnbart streichelte: "Mhhhh najaaa, Meister Weidenzweig, unser Schlosskorbmeister hätte damit so sicher seine gute Mühe. Aber für Dich ist ihm sicher keine Mühe zu groß und wie ich das sehe, mhhh najaaa, sone kleine Litfasssäule sollte ihm schon als Vorlage dienen." Bei seinen letzten Worten hörte er wie hinter ihm etwas hart auf den Boden schlug. Er wirbelte herum und sah Brigitte lang gestreckt auf dem Küchenboden liegen. "Ohje" dachte er, da war ich wohl doch zu ehrlich. Naja, aber sie wollte es ja wissen. John kniete neben ihr nieder und legte sein Ohr an ihre Lippen - ja sie lebte noch sie war nur ohnmächtig. Aber was war das? Sie roch nach Rum. Ihm kam ein komischer Gedanke. Er ging in die Vorratskammer und sah, dass die Blaubeeren im Rumtopf fehlten. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? "Bei dem Durcheinander ist es kein Wunder, dass alle vor Kummer trinken", dachte John. Außer Consuela! Consuela trank hin und wieder einen Eierlikör, mehr nicht! Von wem sie das wohl hatte? John schüttete vor lauter Aufregung einen Eimer Wasser auf Brigitte, die davon ziemlich munter wurde. "John, bist Du jetzt völlig durchgeknallt?" fragte sie wütend. Brigitte sah nun nach der Dusche aus wie ein begossener Pudel und ihre Frisur war nicht mehr zu erkennen. Der Abend schien ernüchternd zu enden.

John sah das Elend und flüchtete nach Hause. Dort wartete schon Pamela, die sich auf den Abend vorbereitet hatte. Sie trug schwarze Dessous und lila Lippenstift. Nur so konnte sie John heute Nacht glücklich machen. Aber noch bevor John die Haustür öffnen konnte, traf er auf Babette - seine beste Freundin. "Kommste noch auf nen Mümmi mit in die Kneipe, John?" Er sagte natürlich nicht nein, denn einen Kräuterschnaps konnte er jetzt gut vertragen. Und an der Theke erzählt ihm Babette so eine merkwürdige Geschichte. Sie war ganz außer sich und sprach: "Ich habe mir schon im letzten Winter von meiner Weihnachtsgratifikation einen enzianblauen Bikini vorbestellt, denn davon werden jedes Jahr nur 10 Stück per Hand von Hans, dem Weltspitzenklöppler, geklöppelt, also die Warteliste ist ellenlang. Die erste auf der Liste war natürlich die Kempinski, das teure Mädel, wer sonst. Letzte Woche bekam ich einen enzianblauen Brief von Hans, dass mein Bikini jetzt die letzte Enzianblüte erhält und ich ihn dann abholen könnte. Die Bezahlung sollten 2 Körbe voller Enzianschnäpse sein und nun?" Sie tupfte sich die Tränenspuren vom Gesicht. "Wie ich zu Hans nach Klöppelhausen komme, liegt er völlig bewegungslos im Bett. Der ganze Raum verströmt einen eigenartigen, betörenden Duft und dann schnauft es unterm Bett. Ich beug mich nach unten und wen sehe ich da liegen? Brigitte! Ja, es war Brigitte, die mich da mit ihren grünen Kluppschaugen anblinzelte!" John war bleich geworden. Er hatte doch Brigitte immer nur in ihrer Küche sitzen sehen. Und für was wollte sie unbedingt diesen Bikini haben? Brigitte passt doch eher in einen Hausmeister-Overall. Fragen über Fragen. Babette erzählte weiter: "Diesen Bikini wollte ich eigentlich mit nach Baden Baden nehmen." John verstand nun gar nichts mehr. Ihm schwirrten nur noch viele "B" im Kopf rum. Babette, Brigitte, Bikini, Baden Baden! Er hätte gern mal ein Wort mit X, Y oder Z gehört. Aber was war mit Hans, dem Weltspitzenklöppler? John fragte Babette: "Was war mit Hans, dem Weltspitzenklöppler?" Babette stammelte: "Na nichts weiter. Brigitte hatte ihm eine Bratpfanne auf dem Kopf gehauen, weil er den Bikini wahrscheinlich nicht rausrücken wollte. Er hatte sich kurz vor dem Zusammenprall grüne Bohnen gebraten, die lagen nämlich überall auf seiner Bettdecke verstreut. Brigitte hasst grüne Bohnen!" Das wunderte John aber sehr. "Diesmal war kein Alkohol im Spiel? Und woher kam dann der Geruch im Raum?" fragte John. Babette musste lachen und sagte: "Es waren seine Socken!" John hatte nun noch eine letzte Frage, bevor einen letzten Schnaps zu sich nahm: "Wofür braucht man einen Bikini in Baden Baden?" Babette antwortete spontan: "Och John" meinte Babette "stell dich an, aber nicht blöd! Baden Baden und Bikini gehören doch zusammen, wie Brigitte und der Bärlauch, wie Gräfin Gunilla und der Alkohol. Wenn du vielleicht auch lieber ein Wort mit y hören wolltest." John kippte sich den Mümmi hinter die Binde und bestellte gleich noch Einen. Kein Wunder, dass in diesem Umfeld alles säuft. Wenn ein Fremder den Durchblick haben wollte, müsste er ne Flasche Champagner trinken, um dieses Wirrwarr zu verstehen. Babette kramte derweil in ihrer Tasche und zog etwas Enzianblaues heraus. John dachte: "jetzt muss ich auch noch sagen, dass ich diesen Fetzen von Bikini schön finde." Aber es war nicht der Bikini, der da zum Vorschein kam, sondern der Beate-Uhse-Tanga vom Grafen Guiseppe, dem Geliebten von Brigitte. Er gehörte nämlich zum Bühnenoutfit für die Karaokeshow, in der die beiden doch als Moni und Klaus auftreten wollten und die anscheinend alle schon wieder vergessen hatten. Babette wusste genau, was sie mit dem Tanga noch alles anstellen wollte.
Als erstes würde sie ihn zur Änderungsschneiderei geben, denn der Graf hatte sich beim Kauf dieses Stückes völlig in der Größe geirrt. "Da muss noch ein orangefarbener Keil rein, dann passt er" meinte Babette. Und zweitens muss er noch in Kartoffelstärke eingelegt werden. "Schließlich soll es der Graf nicht zu bequem haben beim Tanz." John ahnte, dass Babette den beiden einen Streich spielen wollte. Doch das war John völlig egal, es amüsierte ihn nur. Er dachte so ganz nebenbei kurz an Consuela. Die hatte heute morgen Post bekommen. Die Gräfin brachte den Brief gleich nach dem Frühstück in ihr Zimmer. "Du hast Post, Consuela, von einer Weltraumstation!" meinte die Gräfin. Consuela war erschrocken neugierig. Wer sollte ihr vom Mond schreiben? Sie las den Absender und meinte: "Mutti, der Brief ist von Sat1 und nicht aus dem Universum!" Consuela liest laut vor: "Sehr geehrtes Fräulein von Flandern, ich komme am Mittwoch mit meinem Videomobil vorbei und überbringe Ihnen eine Video-Botschaft. Jemand möchte Ihnen einen Heiratsantrag machen. Mit freundlichen Grüßen, Ihr K. Pf.!" Die Gräfin heulte leise vor sich hin und Consuela wurde panisch. Wer sollte ihr einen Heiratsantrag machen? Consuela hatte nur eine Vermutung und sagte: "Eins ist Fakt, den Vincents heirate ich nicht. Diesen Tulpenbringenden Windbeutel. Sollte allerdings Francois um meine zarte Hand anhalten, dann schmeiß ich mich ins erstbeste Hochzeitskleid und sage ja!" Gunilla blickte sie erschrocken an, rannte zum Eckschrank, griff die Flasche Gorbatschow Wodka, nahm einen kräftigen Schluck und sagte: "Kind, das kann dein Ernst nicht sein. Nur weil du bei der Karaokeshow mitsingen willst, musst du doch nicht einen zweitklassigen Klavierspieler heiraten wollen! Dein Vater kann dich auf der Mandoline oder der Querflöte begleiten!" Gunillas Gedanken bewegten sich nur noch um den ominösen Heiratsantrag. Wer konnte es sein? Da fiel ihr nur Einer ein: Ruprecht Schniekenbrink!
Ruprecht ist mit Consuela in die gleiche Schulklasse gegangen. Er saß drei Reihen hinter ihr, erinnert sie sich. Sie hat auch nicht vergessen, dass er ständig ihren Schulranzen nach Hause trug. Ruprecht war unheimlich heimlich in Consuela verliebt. Damals auf dem Schulhof zum Sportfest, als sie die Keule einen Meter weiter warf wie er, da platzte es aus ihm heraus: "Consuela, willst Du mich heiraten?" Sie antwortete sehr diplomatisch: "Aber Ruprecht, wir sind doch erst 12 Jahre alt und wissen doch noch überhaupt nicht, was wir werden wollen. Frag mich bitte in 15 Jahren noch mal, du Clown!" Ruprecht war nicht böse über die Antwort. Im Gegenteil. Er trug weiterhin ihren Ranzen, brachte ihr Frühstücksstullen mit und lud sie auch ab und zu ins Kino ein. Nach dem Tanzstundenabschlussball wendete sich aber das Blatt. Florentine hatte sich an Ruprecht rangemacht. Consuela hatte seitdem keine Chance mehr bei Ruprecht, obwohl sie eine "von" war. Florentines Eltern hatten einen Gemüsegroßhandel. Consuela bat ihre Mutter um einen Wodka und murmelte: "So ein Mist, dass ich letztes Jahr in Ischgl zum Ski fahren war und das Klassentreffen verpasst habe. So hätte ich mir einen Überblick verschaffen können, wie es um Ruprecht steht oder eben auch nicht. Sieht er aus wie Arnold der Schwarze Trecker oder wie Heino von der Haselnuss. Ist er Smutje auf einem Buddelschiff oder Vorstandsvorsitzender von BMG und man könnte so nebenbei noch einen Plattenvertrag abstauben. Wer braucht da noch Karaoke." Consuela verfiel ins Träumen und sah sich schon in Hotpants und High Heels ein Duett mit Howard Sandale singen. "Da ist noch Sand in den Schuhen von Hawaii..." Sie tänzelte ein paar Schritte, als sie plötzlich von hinten ins Rutschen geriet und sie auch ohne High Heels auf ihr gebräuntes Hinterteil fiel. Was war, wenn das alles eine Falle der schon immer perfekten Florentine war. Die Florentine, die einem im Fechten das Florett flott in die Flanke stieß. Was, wenn der Brief nicht vom blauen Kai, sondern in Wahrheit von Kurt und Laola war, die ja auch schon mit dem dollen Karl Späße getrieben hatten. Consuela packte das blanke Entsetzen. Derweil träumte Gunilla ebenfalls vom vermeintlichen Schwiegersohn in Spe. Natürlich war Ruprecht Schniekenbrink ein Destillerie-Besitzer, wo die edelsten Tropfen kreiert und verkostet wurden. In der Alkohol geschwängerten Phantasie Gunillas überreichte Ruprecht ihr bei seinem Antrittsbesuch nicht ein langweiliges Blumenbukett, nein ein Körbchen, welches Rotkäppchen alle Ehre gemacht hätte, gefüllt mit einer bunten Palette alkoholischer Spezialitäten nach Art des Hauses Schniekenbrink. Ein verträumtes Lächeln erschien auf ihrem Antlitz, als plötzlich der Graf zur Tür herein kam und sagte: „Consuela, eben hat eine alte Schulfreundin angerufen und wollte Dich sprechen.“ Consuela fragte: „Wie hieß sie, Vater?“ Er zuckte die Schultern und meinte: „Ich habe sie nicht richtig verstanden, aber sie sprach von einem Duell auf der großen Wiese hinterm Gutshaus und sie schickt Dir den Termin!“ Consuela wurde fast ohnmächtig und dachte: „Das konnte nur Florentine sein, die Florettmeisterin der Neunziger!“ Nein, das war zuviel des Guten. So konnte Consuelas Leben nicht weitergehen und sie fasste einen Entschluss: „Mutter, zieh die Gardinen zu, es wird kalt im Zimmer!“ Die Gräfin kam nur schwer aus ihrem Traum vom Präsentkorb a la Schniekenbrink heraus und taumelte mit dem Grafen die Treppe zum großen Wohnzimmer hinunter. Sie flüsterte: „Mein Liebster, unsere Tochter bekommt einen Heiratsantrag. Noch wissen wir nicht von wem. Aber sorge dafür, dass es ein würdiger Schwiegersohn sein wird. Einer, der was hat und was kann!“ Der Graf war entsetzt, überfordert und sagte: „Meine Gunilla, trink ein Glas Rotwein und beruhige Dich. Unsere Tochter heiratet nur einen Mann, den wir beide zuvor einem unserer gefürchteten Tests unterziehen. "Pass auf meine Liebe, da fällt mir gleich was ein! Also: Ich werde ihn auffordern uns ein Lied unserer Wahl (er rieb sich die Hände, denn ihm fiel dann schon was Gemeines ein) vorzusingen. Und sollte er das einigermaßen überlebt haben, dann bist du an der Reihe. Du wirst mit ihm ein Wetttrinken veranstalten, das er 100%ig verlieren wird, denn ich kenne keinen Mann, der so im Training steht wie du." Mit den letzten Worten nahm er die Hand seiner Frau, hauchte ihr einen Handkuss darauf und ging in seine Bibliothek, um aus dem Musiklexikon der Deutschen Volksmusik ein besonders ekliges Lied herauszusuchen. So leicht wollte er es keinem Bewerber um die Hand seiner geliebten Tochter machen. Er schritt in Richtung Bibliothek, als es an der Tür schellte und als der Graf die Tür in Gedanken öffnete, hatte er ein silbriges Etwas vor der Nase. Bevor er noch wusste, wie ihm geschieht, stürmte ein gelocktes Wesen im spezial Titan veredeltem Kampfanzug, mit einem Florett der Extra-Klasse, an ihm vorbei und schrie: "Scheiß auf den Termin! Wo bist du, zeig dich Consuela von Schlotterbein, ich mach dich kalt. Mein Ruppi gehört mir allein." Mit wirrem Haar und dem Wahnsinn im Blick, lief sie die Treppe hinauf, genau in die Arme von Brigitte, die in den Morgenstunden immer ein paar Teller mit feinsten Cognac-Trüffeln auf den Etagen des Hauses verteilte. Ratz Fatz war auch schon ein Silberteller vom Florett Florentines gezweiteilt. Da rief Brigitte ganz entrüstet: „Moment mal, Du verarmte Musketierwitwe, Du machst mir meine Pralinen nicht kaputt!“ und haute Florentine das halbe Silbertablett um die Ohren. Florentine verlor das Gewicht – ihres natürlich – und rutschte das Treppengeländer hinunter bis vor die Küchentür. Consuela bekam von dieser ganzen Aktion nichts mit. Sie puderte sich gerade die frisch rasierten Waden in ihrem 20qm großen Badezimmer. Florentine landete zur gleichen Zeit unsanft auf ihren Pobacken, zumal ihre rustikale Verkleidung sehr viel Krach machte. Der Graf rief von oben: „Hallo … junge Frau, sind sie von der DEFA? Seit wann produziert die DEFA Mantel- und Degenfilme? Und wo sind die Söhne der großen Bärin?“ Florentine war das alles zu dumm und machte sich durch die Hintertür aus dem Staub. Wenn das ihr Ruppi erfährt, dann ist sowieso alles zu spät. Deswegen war jetzt nur noch Schadensbegrenzung angesagt.
Florentine floh mit ihrem Florett aus dem Haus und wie sie so über den Wassergraben vor den Toren des Schlosses springen will, erblickt sie einen jungen Mann am Horizont. Er stand einsam im Vormittagsnebel, kaum sichtbar. Eine große attraktive Gestalt mit Hut und Stock und Wanderschuh’n. „Wer war dieser Kerl aus dem Nichts?“ fragte sich Florentine. Er kam näher und näher und Florentine hing mit ihren schweren Stiefeln im Morast fest. Sekunden später, noch bevor sie fliehen konnte, sprach er sie von der Seite an: „Hallo Burgfräulein, darf ich es wagen, sie anzusprechen?“ Florentine war völlig perplex: „Ich geb dir gleich Burgfräulein. Sie dürfen mich hier erstmal aus dem Matsch ziehen, schließlich bin ich auf der Flucht und dieses Fußbad im Morast liegt nicht in meinem Zeitplan!“ Der Wanderer nahm seinen Rucksack ab, öffnete ihn und entnahm ein Bergsteigerseil, welches er Florentine mit einem geschickten Lassowurf um die Hüften schwang. Er zog und zog, aber nichts passierte. „Tut mir leid holde Maid, ich muss Hilfe holen:“ „Wagen sie es nicht, sich auch nur einen Zentimeter hier wegzubewegen.“ Sie wedelte drohend mit dem Florett. Etwas ängstlich blicke sich der Mann um. Da sah er von weitem eine füllige Person, die mit einem schwingenden Kochlöffel in der Hand angerannt kam. Es war Brigitte, die laut schreiend auf die Beiden zulief. Die kleine, weiße Küchenschürze wedelte wie Engelsflügel im Wind und ihre blaugelben Schuhe glitzerten in der aufgehenden Sonne. Sie kam näher und näher und Florentine versteckte sich vor lauter Angst unter dem Mantel des fremden Mannes mit samt ihrem Florett. Dem Fremdling war das allzu fremd und deswegen traten ihm tellergroße Schweißperlen auf die Stirn. „Ich hatte noch nie ein Florett unterm Mantel“ dachte er und schrie aus allen Kehlen: „Hiiiilfe, hiiiiilfe, diese Frau unter meinem Mantel ist gefährlich und messerscharf!“ Brigitte zog an Florentines linken Hosenbein und der Fremde wimmerte vor sich hin. Nichts rüttelte und schüttelte sich. Florentine saß so fest im Morast, das konnten Brigitte und der Wanderer alleine nicht schaffen. „Da muss ein landwirtschaftliches Nutzfahrzeug ran“ meinte Brigitte, die während ihrer Schulzeit öfter an der Kartoffelernte teilnahm und sich an die großen Maschinen erinnern konnte. In dem Moment, wie sie so schön ins landwirtschaftliche Schwärmen kam, brach auch noch ihr hölzerner Kochlöffel, den sie bei einem Kochwettbewerb in der Sächsischen Schweiz gewonnen hatte. Sie hatte damals „Eierpflaumen im zimtfarbenen Hefekloßkleid“ als Hauptspeise kreiert. Das war ein Jahr lang ein Renner in den Gourmetküchen dieser Welt. Nun war für Brigitte aber völlig der Ofen aus und sie wurde richtig wütend. Der Fremde meinte schlotternd: „Heule nicht um diesen blöden Kochlöffel, befrei mich lieber von diesem Florettchen!“ Doch Brigitte nahm ihr Handy und wählte die Nummer vom Öko- und Schweinebauern Hubert Hauinsfeld. „Hallo, Herr Hauinsfeld, hier spricht Brigitte Brust vom Schloss Flandern. Können sie uns helfen? Eine verrückte Musketierimitation steckt hier im Morast fest und wir können sie nicht heraus ziehen.“ Bauer Hubert meinte, der Traktor sei gerade im Einsatz, aber der Kartoffelsammelroder wäre frei und er schickt sofort den Knecht Klaus los. Indessen zeterte Florentine so unterm Mantel des Fremden, so dass sie mit ihrer scharfkantigen Rüstung hängen blieb und den Mantel zweiteilte. Der Fremde schrie sie an: „Kannst du nicht aufpassen? Wie sehe ich nun aus? Denkst du, ich will im November die Sankt Martinslieder freiwillig singen? Ich bin froh, das ich diesen Job los bin!“ Florentine erhob das Florett und die letzten Worte des Fremden verstummten. Brigitte versuchte derweil die Presse zu erreichen, denn ein Kartoffelsammelroder sah man schließlich nicht alle Tage. Sie sah schon die Schlagzeile in der Wild am Sonntag: "Drama im Moor - fuchtelnde Fechterin mit Florett im Duett mit St.Martin. Ist die Welt noch zu retten?????" Brigitte wählte blitzschnell die Nummer vom heißen Harry, der keine Geschichte anbrennen lässt. Hatte er doch erst letzte Woche die Christel von der Post dabei erwischt, wie sie das Briefgeheimnis nicht so genau nahm und laut raus posaunte, dass auch der Bürgermeister Egon Schmiermichmal am Karaoke Wettbewerb teilnehmen wird. Jedoch nicht, wie angekündigt, mit seiner Frau, welche zugegebener Weise mittlerweile älter aussieht als der Thüringer Wald, sondern mit Jenny Jensen, welche sich erst letztes Jahr von Hanne Hansen getrennt hatte und deren glockenhelles Stimmchen dem Egon die Sinne völlig vernebelte. Nun weiß es der ganze Ort. Nur bis zum Schloss scheinen diese brandheißen Neuigkeiten noch nicht durchgedrungen zu sein, denn Christel ist nun auch nicht mehr die Jüngste und ihr staatlicher, nicht mehr stattlicher Postgaul ist auch nicht mehr der Schnellste. Brigitte ist also mit ihrem Handy zugange und achtet nicht mehr auf die dramatischen Vorgänge, die sich unter dem halbzerfleddertem Mantel abspielen.

Nur ein lautes „Aua“ ließ alle Beteiligten in eine Schweigeminute verfallen. Florentine und der Fremde fielen sich aus Versehen in die Arme und sanken zu Boden. Brigitte hörte Florentines Stimme unter dem noch vorhandenen Stück Mantelstoff, die da sagte: „Habe ich dir wehgetan, Fremder?“ Der Fremde antwortete: „Geht grad so, aber mir wird kalt.“ Florentine fuchtelte weiter: „Ach du meine Güte, was hast du denn da? So was Schönes habe ich ja noch nie gesehen!“ Der Fremde knurrte zurück: „Na schön, jetzt hast du’s gesehn!“ Aber Florentine ließ nicht locker: „Aber Fremder, das ist ja Wahnsinn. Wo hast du das her?“ Er: „Ein Geschenk meiner Mutter!“ Florentine fiel in Ohnmacht. Während Florentine in Trance und der Fremde erschöpft am Boden lagen, klingelte es immer noch bei Harry. Aber Harry ging nicht dran. Und Knecht Klaus war auch noch nicht da. Was sollte sie jetzt nur machen. Brigitte war natürlich auch daran interessiert, zu erfahren, was Florentine da Schönes entdeckt hatte und wenn einer das Geheimnis ans Licht getragen hätte, wäre es Harry mit seiner Speziallupenkamera gewesen. Nun musste sie die Sache selbst in die Hand nehmen. Brigitte pirschte sich langsam an den Fremden heran, schob Florentine ein Stück zur Seite, als plötzlich eine Stimme wie aus dem Nichts von hinten rief: „Naaaaa, Frauchen, was suchen wir denn da?“ Brigitte hatte sich so erschrocken, dass sie ganz blau im Gesicht wurde. Sie stammelte: „Ich habe nach vierblättrigen Kleeblättern Ausschau gehalten! Aber auf dieser Wiese ist heute kein Glück zu machen!“ Brigitte nahm wutig ihren zerbrochenen Kochlöffel, ihr Handy, ihre Küchenschürze und lief davon. Sie hörte aus der Ferne noch, wie ihr die Stimme hinterher rief: „Ich bin Ruprecht, der Glücklichmacher! Ruf mich an, wenn du mich brauchst!“ In dem Augenblick wacht Florentine auf und stotterte: Rupprrehecht…..der Glücklichmacher? Das dachte ich bis vorhin auch. Nun aber hab ich unterm Mantel gesehen, was wirklich glücklich macht!“ Sie kicherte leise vor sich hin, schob das Visier ihrer Rüstung zurecht und tat so, als sei sie nicht da. Jetzt bloß nicht Ruprecht unter die Augen kommen, der will sie dann womöglich noch. Bis gestern hatte sie noch gedacht, er wäre der Mann, den sie wollte – aber nun hatte sie DAS gesehen, welches der Fremde unter dem Mantel hatte ... hoohooo!!!

Brigitte drückte verzweifelt auf die Wahlwiederholung ihrer Handytastatur. Dieser Harry Hot muss her, der Aufdecker aller Skandalberichte – tot oder lebendig! Wenn sie nicht gleich erfährt, was unter diesem Mantel los ist, dann fällt ihr die nächsten 27 Tage das Soufflee im Ofen zusammen. Sie schrie: "Ich will auch so ein Geschenk! Egal was es kostet und von wem ich es bekomme." Denn wie sie mittlerweile erfahren hatte, hat Klaus - und somit die ganze Grafschaft - kein Wasser. Klaus war zwar mit den anderen Knechten und den städtischen Wasserwerken auf der Suche nach dem Schaden, aber man weiß ja, wie lange so was dauert. "Vielleicht ist nur eine Leitung angebaggert worden und nicht die gesamte Pipeline lahm gelegt" wünschte sich Brigitte insgeheim. Denn langsam wurde es knapp bis zum Karaokewettbewerb und so wie sie nach Modder roch, konnte sie nicht auftreten. Da schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf "Ich werde einfach zu Babette duschen gehen. Babette hat in ihrem Garten 3 Fässer feinstes Regenwasser und wenn ich mich da in einem der Fässer so richtig aale und nebenbei "Ich will nen Cowboy als Mann" trällere, dann wollen wir doch mal sehen, ob Harry nicht doch aus dem Tiefschlaf erwacht.“ Brigitte lief geradewegs am Schlosseingang vorbei, als sie vom Blitzlichtgewitter überrascht wurde. „Na schau einer an“ dachte Brigitte. „Das ist doch unser heißer Harry mit seiner EOS1387 Superkomplexkamera mit eingebautem Schiefwinkel- und Schlankmachobjektiv. Was macht der denn hier?“ Harry hatte zu tun, denn das große Videomobil vom Fernsehen war vorgefahren. Sie sah Consuela wie ein aufgescheuchtes Huhn umher springen. Sie hörte auch Consuelas Stimme, die ohne Pause immer wieder in die Welt hinaus rief: „Ich heirate dich nicht. Ich heirate dich nicht. Ich heirate dich nicht! … Hast du das verstanden, du oller Zippenzausel!“ Das Echo prallte von der Bergwand gegenüber so heftig ab, dass allen Beteiligten ein Hörsturz drohte. Harry versuchte mit Schnelligkeit die schönsten Fotos von diesem dramatischen Ereignis zu knipsen. Consuela war kaum zu bändigen. Die Gräfin kam die große Treppe herunter geflitzt mit einem Gläschen Obstler, um die arme Consuela zu beruhigen. Aber nichts ging mehr. Brigitte wurde klar, dass dieser Heiratsantrag nicht von einem frischgebackenen Lottomillionär gemacht wurde. Brigitte rief ohne Rücksicht auf Verluste zu Harry rüber: „Harry, sach ma, wer warn dieser Stümper?“ Harry stolperte über sein Stativ, drehte sich dreimal im Kreis und antwortete im letztem Atemzug: „Es war Schweinbauer Didi Schwarte, dessen armseliger Hof gleich hinter dem nächsten Küppel dort liegt. Im letzen Monat hat ihn seine Frau mitsamt dem Knecht Egon Eisbein verlassen und natürlich die ganze Schweinbande mitgenommen." Didi war ruiniert und nachdem er sich einen Monat lang dem Alkohol hingegeben hat, kam ihm der geniale Gedanke, dass die reiche Tochter von der Schnapsdrossel Gunilla doch die Lösung aller Probleme wäre. Also hat er sich mir nichts dir nichts in seinen Kommunionsanzug geschmissen und noch ein paar Kartoffelpflanzen vom Feld gepflückt und ab ging die Post zum Kuppler aller Verkuppelten, zu Kai von der blauen Edelfrucht. Er wird es richten. Mit leichten Hauch Eau de Porc ging es auf den Trecker und Consuela würde nicht Nein sagen können. Schweine gab es zwar nicht mehr, doch mit dem Erbe der Schönen könnte man ja vielleicht eine Lama-Farm eröffnen oder eine Erlebnis Gastronomie - Speisen wie Schweine im Stall! Er sah schon die Rolls Royce vorfahren und Consuela im Dirndl über den Hof schweben. Siegessicher strebte er festen Schrittes auf die große Einganstreppe zu, als sein Blick auf Gunillas entgeistertes Gesicht fiel. Ihm schwante Böses, hatte er doch vor Jahren ein kleines Techtelmechtel mit der Gräfin gehabt, als die Gute sich in volltrunkenem Zustand in seinem Schweinstall ein Nickerchen gönnte. Sollte sie ihm immer noch Gram sein nach all diesen Jahren? So hatte er doch damals beim Anblick der sich willenlos im Heu wälzenden Gunilla auf das Verfallsdatum der Mondos "extra feucht" zu achten. Er hatte eine Großpackung beim Ramschhändler Metzen geschenkt bekommen. Und als er nach wilder Schweinebuchtnacht mit Gunilla die Spuren beseitigen wollte, fiel sein Blick aufs Verfallsdatum, das schon 2 Jahre abgelaufen war. "Oh lieber Gott hilf !!!!! Bitte mach, dass diese Nacht ohne Folgen bleibt." betete er in Gedanken. Das Geheimnis hatte er aber bis heute niemanden anvertraut, zumal sich Gunilla nach dieser Nacht irgendwie verändert hatte. Schon 2 Monate später hatte sie dem Grafen das Ja-Wort gegeben und brauchte nach weiteren 7-Monaten ein gesundes und wunderschönes Mädchen zur Welt. Heimlich hatte Didi einen Blick in den mit feiner Plauner Spitze besetzten Kinderwagen gewagt und sofort erkannt, dass das kleine Fräulein auf dem rosa Spitzenkisschen nicht von ihm sein konnte. Schließlich hat Didi diese schiefe Nase, wo ständig zentimeterlange Stoppeln raus wachsen. Nein, dieses Kind kam nicht nach ihm. Didi trägt schon immer rotes Haar und sein Gang ist eher schwer. Consuela ist blond und ihre Beine olympisch. Aber er erinnert sich immer noch an dieses hämische Lächeln von Metzen, als ihm dieser diese Verfallskondome schenkte. Ramschhändler Metzen wusste sehr genau, welche Sorte Gräfin Gunilla bevorzugte. Didi glaubt immer noch an eine Intrige, weil Metzen damals schon acht Kinder am Frühstückstisch sitzen hatte. Metzen war bekannt für seine Verführungskünste und Didi sollte dann den Vater spielen in dieser Seifenoper. Aber nicht mit Didi Schwarte. Didi hatte noch nicht die erste Stufe der großen Treppe zur Schlosstür genommen, rief Gunilla: "Hey Didi, du fauler Bauer, du bekommst meine Tochter nicht. Außerdem könntest du ihr Vater sein. Du Lump!" Didi antwortete ganz ungeniert: "Aber Gunilla, was regst du dich so auf. Consuela hat Glück, dass sie nicht nach mir kommt, sonst trüge sie heute ne Beule auf der Stirn." In diesem Moment kam auch schon Consuela daher gehopst wie ein leichter Softball. Sie hörte Didi's letzte Worte und sagte froh gelaunt: "Was heißt hier Beule auf der Stirn? Ich habe nur Pickel am Pops und du, mein lieber Didi, wirst die niemals zu Gesicht bekommen! Ich heirate dich auf keinen Fall!" Didi war so aufgeregt, dass ihm die Hände zitterten. Er sagte: "Dann nimm doch diesen blöden Klavierspieler Francois oder vielleicht dessen Freund Hagen. Mit dem habe ich dich auch schon im Unterholz Kastanien pflücken sehen, du liebestolles Weibsstück!" Darauf Consuela: "Ha, der Hagen hat mir ganze Pilze gezeigt und nicht nur alte Hüte. Er ist nämlich ein Medizinmann und kann an die 148 Pilzkrankheiten nur mit der Nase allein erschnuppern. Er steht im Guinness-Buch der Rekorde, obwohl er gar kein Bier trinkt." Didi fehlten komplett die Worte und Gunilla freute sich ein Ast. "Ha ha Hagen … Hatschiiiii" stotterte Didi. Consuela reichte Didi ein Tempo und meint: "Tut mir leid, Didi, aber ich suche einen Mann, der was hat und auch was kann. Nicht so einen Heulosen und Schafarmen wie du es bist." Didi nahm seine Kartoffelblumen, drehte sich auf der Stelle um und lief zum Park hinaus.

In diesem Augenblick kam ein Mann in einem türkisfarbenen Anzug auf einem orangefarbenen Tandem aufs Grundstück gefahren. Gunilla dachte erst, der Graf feiert vielleicht Erntedank, aber die Person kam immer näher und Gunilla ruft erschrocken: "Oh nein, muß man denn alles selbst organisieren. Ich sagte unauffällig, inkognito, undercover!" "Also ..." empörte sich der schrille Vogel "Was heißt denn hier undercover. Wer hat, der hat und soll's auch zeigen. Ich hab das edle Teil bei Sothebay ersteigert und den Anzug in azurblau gab es als Dreingabe mit dazu." Gunilla schwang sich grazil wie ein Baumstamm auf das Tandem und dirigierte das Gespann in den Pferdestall. Sie hatte den tollkühnen Plan, auch an der Karaokeshow teilzunehmen und natürlich sollte es der absolute Oberknaller werden. Sie sah sich schon im bauchfreien Neckolder-TOP mit einem Rock aus Papageienfedern die Bühne entlangschweben. Dafür übte sie schon die ganze Woche vor dem großen, goldenen Spiegel in ihrem Gemach. Das Lied ihrer Träume von Roland, dem letzten Kaiser: "Lieb mich ein letztes Mal, Du hast ja keine and're Wahl!" Und dazu hatte sie Hape engagiert. Hans-Peter, alias Horst, ach in wie viele Rollen war er schon geschlüpft. Doch was sollte das orange Tandem. Dazu konnte man doch nur solche Gassenhauer wie: "Auf'm Tandem vor mir fährt ein alter Bauer" oder "Sepp'l, i hol di mit mei'm Tandem ab". "So eine Pleite! Auf den Schreck genehmigen wir uns erst mal einen" sagte sie und eilte im Windstärke-8-Gang davon. Denn dieser Tag hatte Gunilla schon einige Nerven und Likörchen gekostet. In der Zwischenzeit überschlugen sich auch weiterhin die Ereignisse. Babette und Brigitte stritten sich immer noch um diesen enzianblauen Bikini. Schon Tage lang war allen Schlossbewohnern aufgefallen, dass das Mittagessen nicht die richtige Würze mehr hatte. Brigitte hatte alles andere im Kopf als Salz und Pfeffer. Der Graf drohte ihr schon mit Kündigung, sollte sie die Eierkuchen weiterhin so pampig braten. Brigitte wollte unbedingt diesen Bikini zum Karaoke-Wettbewerb tragen, obwohl sie wusste, dass Babette die bessere Figur drin machen würde. Aber so sind die Frauen nun mal. Brigitte weiß ganz genau, wie man aus einer Größe 38 locker eine 44 macht. Nämlich mit viel Kraft und Zug und Schub. Florentine hatte sich mit Ruprecht wieder vertragen. Sie hatte ein paar Tage mit dem Fremden und seinem schönem Etwas in einem Baumhaus zugebracht. Sie bemerkte jedoch die vielen gelben Klebezettel an den Kastanien, die darauf hindeuteten, dass dieser Fremde seit Monaten steckbrieflich gesucht wird. Der Fremde mit seinem schönen Etwas hatte vor kurzem erst Müllerin Mathilde Mehlig aus dem Nachbardorf die Heirat versprochen. Beim Tragen eines Mehlsackes wurde dem Fremden aber gleich klar, dass das nicht seine Zukunft sein kann. Florentine schlich sich eines Nachts aus dem Wald und klopfte wieder bei Ruprecht an. Der hatte inzwischen zwei Nächte mit Babette verbracht, weswegen John ein wenig genervt war. Aber John hatte ja Pamela, die sich rührend um ihren Hefeteig kümmerte. Gerade erst neulich hat John zu Pamela gesagt: „Wie gut, dass ich dich habe, meine kleine Eierschecke! Ich wollte gar keine Babette, die lieber den Telefonhörer pflegt, als einen Mann. Ich brauch auch keine Brigitte, die meint, für einen Bikini in der Größe, die sie nicht einmal zur Jugendweihe trug, alles tun zu müssen. Schon gar nicht ne Florentine, die so verwöhnt ist, dass das reichste Fräulein der Welt dagegen ein vernachlässigtes Gör ist. Und Gunilla erst!!!“ Er stürzte ein Bier auf, um die Worte über Gunilla doch lieber runterzuspülen. Gunilla wäre schon mal ne Versuchung wert, aber das konnte er Pamela, seinem kleine Pfirsichkeks natürlich nicht sagen. „Und wenn ich an den Zirkus denke, den sie mit dieser bekloppten Karaoke-Show veranstalten - aber halt die Esse fest!“ „Was hast du gegen Karaoke?“ fragte Pamela vorsichtig. „Ich habe mich da auch angemeldet. Dem Sieger winkt schließlich eine Miniaturausgabe des Schlosses aus Marzipan - selbst gebastelt!“

„Duuuuuuuu??“ fragte John völlig entsetzt. „Das kann dein Ernst nicht sein. Was willst denn singen? Die Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe?“ Pamela gluckste vor Aufregung: "Nein, Gott bewahre. Ich singe natürlich meinen Ohrwurm, der immer durch meine Gedanken kreiselt. Schon trällerte sie los: "Aber bitte mit Sahne!!!" Sie haucht weiter: "Und Du, mein kleines Nougattörtchen, Du wirst der Höhepunkt der Show. Ich habe Dir schon einen hautengen Lederdress bestellt, ziemlich knapp gehalten, versteht sich. Dann wirst Du mit feinster Sahne von glücklichen Kühen eingesprüht und diese schlecke ich Dir dann Häppchenweise von der Haut, während ich ins Mikro hauche." John stöhnte innerlich gequält auf. Wie sollte er aus der Nummer wieder rauskommen. Er durfte sich keinesfalls auf diesen Hokuspokus einlassen, war er doch schon anderweitig unter Vertrag und zwar hatte er dem Grafen Guiseppe versprochen, mit Gunilla in die „Zauberflöte“ zu gehen. Der Graf hat zwar die Schlangennummer mit Brigitte gekippt, trotzdem wollte er das Marzipanschloss gewinnen. Brigitte wäre für ihren Sepp’l auch liebend gern durch einen brennenden Reifen gesprungen, doch Guiseppe hat Angst, dass sein „Batman“-Kostüm bei der Hitze davon schmilzt und er dann völlig nackt da steht. Guiseppe hat tagelang vorm Spiegel für seinen Auftritt geprobt und das Lied vom Puff in Barcelona kann er bis zur dritten Strophe auswendig. Nein, das durfte ihm seine Gunilla nicht vermiesen. Der Graf weiß, dass Gunilla immer in der Oper zu schlafen pflegt und sie meistens in der ersten Pause wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses rausgeschmissen wird. Gunilla popelt im Schlaf! „Der arme John“ dachte der Graf immer und immer wieder. John hingegen muss dafür sorgen, dass seine Pamela als letzte Akteurin die Bühne betritt. Schließlich braucht er auch noch ein paar Minütchen, um die Sahne steif zu schütteln. Consuela hat die Thematik ihres Auftrittes völlig über den Haufen geworfen. Noch sind zwei Tage Zeit bis zur Show. Sie performenct inzwischen hinter den Rücken der Anderen den großen Schlager von Karel dem Göttlichen, der schließlich schon zu Lebzeiten ein eigenes Museum hat. Die goldene Stimme muss bei Consuela wohl noch ein wenig geölt werden, doch ihren alten heißen Dress im Tigerdesign hat Consuela schon in ein knappes Bienchen-Outfit umdekoriert. Das wird der Knaller! Verträumt zupft sie sich an den kleinen, kuschelweichen Fühlern herum, welche sie vom Fell ihres Hauseichhörnchen "Nüsschen" kreiert hat. Tja, selbst Karl, das alte Feldlager, hätte es nicht besser machen können. Den Sieg wird ihr keiner mehr nehmen, denkt sie sich siegessicher. Ihre Gedanken schweifen feengleich zum Tag ihres Triumphes, sie sieht schon das Siegertreppchen in greifbare Nähe rücken und in ihrer Phantasie wird ihr der Preis von keinem Geringeren als von Hobbymoderator Waldemar Watt überreicht. Waldemar Watt präsentiert immer unten im Dorf das „Fest der prallen Kuheuter“. Ja, da gab es auch schon mal hin und wieder nen Auftritt eines prominenten Volksmusikstars zu feiern. Waldemar ist für Samstagabend gut vorbereitet. Die Scheinwerferproben sind Geschichte, nur der Verkauf der Eintrittskarten läuft schleppend. Gemeindebürgermeisterin Fanny Frisch hat allen Zuschauern - die freiwillig kommen - eine Bratwurst und ein Bier versprochen. Nur das Schwenken von Fähnchen ist während der Karaoke-Show untersagt. Babette hat in den letzten drei Tagen 5 Kilo abgenommen, damit sie in ihren Bikini passt. Sie war mit einer Schafherde unterwegs und ernährte sich nur von Milch und Gänseblümchen. Graf Guiseppe hat schon die Schuhschleifen gebunden und Consuela findet sich sehr schick in Schwarzgelb. Nur bei Brigitte stimmt etwas nicht. Sie sitzt traurig an ihrem großen stählernen Küchenherd, stopft sich ein Champignon nach dem anderen in den Mund und heult laut vor sich hin: „Was mach ich nur, was mach ich nur? Der stahlblaue Bikini ist tabu, Seppl tritt alleine auf und überhaupt hat sich die ganze Welt gegen mich verschworen. Wenn mir nicht bald etwas Neues einfällt, kann ich meinen Auftritt knicken.“ Der nächste Champignon verschwindet in ihren Mund und sie überlegt. Ihre Beine schaukeln donnernd gegen die Küchenherdtür, ihr Blick schweift durch die Küche und bleibt plötzlich am Obstregal haften. Mit einem lauten Schrei, den man durchs ganze Haus hörte, sprang sie vom Herd, schnappte sich die Kokosnüsse, die Apfelsinen und rief: „Das wird mein Kostüm und mit dem Hit "Zwei Apfelsinen im Haar und an der Hüfte Bananen" schlag ich selbst den Jo Rennford mit seinem Ananas aus Karakas!“

Brigitte sprang wie eine wild gewordene Aubergine durch die Küche, als die Tür aufgerissen wurde und und Gunilla kam angetrunken in die Küche geschwankt. Sie hatte die Ukulele geschultert und die Triangel in der Hand. „Was´n hier los?“ lallte sie. Brigitte lies bei dem Anblick die Kokosnüsse fallen. „Uiiiiiii, wir haben jetzt doch ne Bowlingbahn im Haus!“ Sie bückte sich nach den Kokosnüssen und suchte verzweifelt die Fingereinschublöcher. „Ich wusste doch, dass auf Guiseppe kein Verlass ist. Baut er mir ne Bowlingbahn ins Haus und kauft Kegelkugeln dazu. Ne, ne, ne!“ Sie schmiss Brigitte die Nüsse zu, wankte zum Kühlschrank, nahm den Whisky und im Gehen sang sie vor sich hin: „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“. Trotz der 3,8 Promille, die die Gräfin mal wieder im Blut hatte, hörte sie wie durch eine Wattewand, wie Brigitte röchelte:" Gräfin helfen sie mir! Ich glaub einer der 30 Champignons war vergiftet!!" Die Gräfin drehte sich langsam um, denn um sie drehte sich gerade die Küche wie ein Karussell und sie sah, wie Brigitte am Boden lag und schon ein paar Champignons heraufgewürgt hatte. Sie riss sich zusammen und stürzte zum Telefon, wählte die Nummer der Polizeiinspektion 1 und schrie in den Hörer: "Herr Hauptwachtmeister, kommen sie schnell. Unsere Küchenfee Brigitte hat nen Fliegenpilz verschluckt. Keine Ahnung, wie dieser Pilz in die leckere Champignonpfanne gekommen ist. Ich kann ihnen nur schon mal soviel sagen, dass ich nicht im Wald war. Ich war es nicht!" Während Gunilla noch aufgeregt telefoniert und dem Hauptwachtmeister ihren neuen Schlehenlikör in Worte fasst, geht die Küchentür auf und eine muskulöse Frau in einem ockerfarbenen Leinenkleid und einem geblümten Kopftuch schnappt sich Brigitte, wirft sie sich über die Schulter und trägt sie aus dem Schloss. Gunilla sah nur noch einen Schatten die große Wendeltreppe zum Park hinunterschleichen. Consuela beobachtete das Treiben vor der Tür, dachte aber: „Typisch Helloween, da kommen die Menschen auf die witzigsten Ideen!“ Gunilla aber lies vor Schreck den Telefonhörer fallen und sagt: "Jetzt schlägt's aber Dreizehn! Wer klaut hier unsere Küchenfrau?" Das hörte der Graf, der gerade nur von einem weißen Frotteehandtuch umhüllt auf dem Weg zum Swimmingpool war und er antwortete: „Wir haben hier im Schloss feinstes Silber, wertvolles Geschmeide, teure Perserteppiche, Designermode in Hülle und Fülle, Familienschmuck, den der Hofschmied vor hunderten von Jahren handgehämmert hat. Wer bitte sollte da Brigitte klauen? Entweder hat sie wieder getrunken oder die ersten Anzeichen von Schizophrenie, die in Gunillas Familie in den Genen lag, machen sich nun bemerkbar!“ Der Graf, immer noch verkleidet, wie der König von Mallorca, ging durch den Garten. Plötzlich hörte er ein Schleifen über den Kiesweg. Was war das denn? Da sah er sie! Die große Frau im Leinenkleid, die an einen überdimensionalen Kartoffelsack erinnerte. Was schleppte sie so schwer? BRIGITTE!!! Ihm stockte das Blut in den Adern. Leise verfolgte er sie. Er bewaffnete sich mit einem Pflanzholz, dass er wie eine 9mm-Magnum hielt. Ein Rhabarberblatt auf den Kopf und seine Tarnung war perfekt. Wenn nun nur das Handtuch nicht rutschte und er wie Adam im Garten posieren muss. Der Wind pfiff ihm ständig das große Blatt vom Kopf und er hatte hektisch zu tun, die Spuren der stämmigen Trägerin mit Brigitte unterm Arm weiter zu verfolgen. Die große Frau schleppte Brigitte in den erst frisch angelegten Irrgarten, den Guiseppe auf Wunsch von Gunilla mit Pfefferminzlikörtraubenstöckchen bestückte. Er lief unkontrolliert durch die dunklen Reihen, als plötzlich eine Kokosnuss vom Himmel fiel, ein lautes "Autsch" durch die Blätter säuselte und der Boden mächtig vibrierte. Der Graf dachte: "Nun isse erledigt, die Grand Dame in der Leinenmode. Das hat se nun davon!" Beruhigt schlendert der Graf zum Ausgang des irren Gartens zurück und stolpert geradewegs unüberlegt über die Füße vom neugierigen Hauptwachtmeister Frühauf, der den Grafen entsetzt beschaut. "Was machen sie denn hier, Herr Oberförster in Spe? Wollen sie schon wieder in fremden Gärten rumschnüffeln?" Der Hauptwachtmeister zuckte die Gelbe Karte, schrieb dem Grafen eine Verwarnung aus und gab zu verstehen: "Genug der Vorstellung. Erst holt mich ihre Frau ins Haus und erzählt mir von Mord Vergiftung und keine Tode ist zu sehen. Quasi eine Miss Marple Geschichte! Und nun kommen sie mir wie ein Waldgeist, der auf dem Weg zur Kleidersammlung ist, entgegen. Das geht ja nun gar nicht! Erregung öffentlichen Ärgernisses nennt man das in der Rechtssprechung und so nenn ich es auch. Melden sie sich morgen um zehn Uhr auf dem Revier und bringen sie die angebliche Leiche am besten gleich mit. Das wäre gut für den Bericht. Ich empfehle mich!“ Er ging. Nach drei Schritten aber drehte er sich noch einmal um und sagte: „Ziehen sie sich etwas an, sie holen sich ja den Tod!“ Der Graf rief ihm nach: „Morgen um zehn Uhr geht es leider nicht, da muss ich zur Anprobe. Geht es auch gegen zwölf?“ Hauptwachmeister Frühauf reagierte nicht mehr. "Und nun?" dachte der Graf. Wo ist nun die monströse Gestalt? Was hatte sie mit Brigitte vor? Er schlich weiter durch den Park, als er plötzlich über drei Maulwürfe stolperte, die gerade versuchten, die neue Eukalyptushecke auszubuddeln. „Oh ha, was ist das?“ fragte sich Guiseppe und schmiss sein Handtuch über die drei Pflanzendiebe. Die Viecher verhedderten sich so im flauschigen Frottee, dass sie ohnmächtig zu Boden fielen. „Mein Luxus-Deo hat gewirkt“ prahlte der Graf und schlenderte wie Adam durchs Unterholz. Er hörte eine zarte Stimme hinterm Rhododendron, die da sang: „Lieb mich, Guiseppe, du mein Schatz mit deiner ganzen Manneskraft. Liebe mich, so oft es geht bis der Mond am Himmel steht!“ Der Graf blinzelte durch die Äste und sah Brigitte mit einem Gänseblümchen turteln. „Nee“ dachte sich der Graf „wenn mich Brigitte hier so sieht, dann bin ich fällig. Ich muss hier weg.“ Er brach sich ein Palmenblatt ab, schmückte seinen nackten Bauch damit und rannte unbemerkt bis zur Hintertür der Schlossküche. Als er die Tür öffnete, kam ihm ein Duft von Marzipanstollen entgegen. Und er hörte zwei Zungen aufeinander schnalzen. Der Graf war entsetzt, als er die Mütze von Hauptwachtmeister Frühauf im Kartoffeltopf schwimmen sah. Und das Leinenkleid, was gerade in die Bratensoße flutschte, kannte er auch. Guiseppe verlor die Fassung, nahm einen großen Holzquirl aus der Wandhalterung, sprang auf den Herd und rief:

„Was passiert denn hier? Während ich Kriminalfälle kläre, Maulwürfe erlege und vor der Küchenfrau flüchte, macht der Herr Hauptwachtmeister mit meiner Frau rum! Das halt ich ja nicht aus!“ Er holt mit dem Holzquirl aus und haut dem fummelnden Trachtenträger voll auf die Omme. Dieser dreht die Augen, haucht noch einmal „Gunillaaaa“ und fällt dann ohnmächtig, mit einem glückseligem Lächeln, zu Boden. Gunilla starrt Guiseppe an. „Wer sind sie denn und warum haben sie eigentlich nichts an? Wenn sie unser Badezimmer suchen, dann hängen sie sich bitte den Topflappen um und gehen sie in den oberen Stock, dritte Tür links!“ „Gunilla???“ fragt der Graf. „Gunilla, ich bin’s ... Guiseppe!“ Gunilla fing an zu kichern: „Ist ja lustig, Sie heißen genau wie mein Mann. Gut, dass sie es sind und nicht er, der mich hier in Flagranti erwischt hat.“ Der Graf riss die Augen weit auf und merkte, daß er seine Umwelt nur noch leicht benebelt erkennen konnte. Herrschte in der Küche Alkohol geschwängerter Nebel oder musste er einen Termin bei Fielmann machen. Er rauschte zum goldenen Spiegel, welcher gleich in der Eingangshalle hing und keuchte vor Entsetzen auf. Wo waren Sie, die enzianblauen Augen, welche jede Frau zum Schmelzen brachten. Stattdessen hatte er zwei Klubschkullern im Gesicht, welchen jeden Frosch zum Quaken gebracht hätten. Doch damit nicht genug, kleine violette Punkte, willkürlich um die Nasenspitze verteilt. Dazwischen Spuren des nächtlichen Ausflugs. Sollte das vielleicht alles nur ein Alptraum sein ... doch nein, schon kam Gunilla aus der Küche getänzelt, im Schlepptau Wachtelmeister Frühauf. "He" flötete Sie "sie treiben sich ja immer noch hier rum. Warte nur, bis ich meinen Wachtelmeister beglückt habe. Dann sage ich Guiseppe Bescheid und der macht sie 2 Köpfe kleiner." Da vergaß Guiseppe seine gute Kinderstube und stürmte mit Kriegsgeheul auf die zwei Ehebrecher zu. Dass dabei das Feigenblatt verlustig ging, bemerkte Guiseppe in seiner Rage nicht. Als er aufs Ganze gehen wollte und Wachtelmeister schon am Bart gepackt hatte, schrie Gunilla lauthals los: "Nein, so was von unmöglich. Ein Wunder, ein Miracle, sie müssen zur Verwandtschaft gehören. Sie tragen ja die gleiche Größe wie mein Mann. Sind sie der verloren geglaubte Bruder, der Cousin, der verschollene Neffe. Ich hätte nie gedacht, dass es gleich zwei dieser Sorte gibt. Nein, das muss ich doch gleich mal genauer unter die Lupe nehmen" und damit rauschte sie kichernd davon. Jetzt hielt Guiseppe nichts mehr, er spannte seine Muskeln und bäumte sich noch mal so richtig vorm Spiegel des Grauens auf. Guiseppe suchte vergebens nach seinem Waschbrettbauch. Aber davon war schon lange nichts mehr übrig. Er streichelte seinen Bauchnabel, lief hinauf ins Schlafzimmer und brach in Tränen aus. Gunilla warf inzwischen Hauptwachtmeister Frühauf zum Haupteingang hinaus, da dieser den selbst gebrannten Kirchlikör von Gunilla verschmähte. "Was ist das nur für eine Gesellschaft?" fragt sich Gunilla und schlich zu ihrem Guiseppe, um ihn eindringlich zu trösten. "Ach Du armer Ehemann!" sprach sie leise, bevor sie ziemlich laut einschlief.

Im "Dorfkrug" steht unterdessen die Bühne für die Karaoke-Schow, die Lampions sind aufgehängt und die Musikanlage auf 100 Watt gestimmt. Es waren nur noch knappe 2 Stunden bis zum Wettbewerb und die Dorfbewohner schlossen hohe Wetten ab. Consuela, Babette, Brigitte oder Pamela ... wer wird gewinnen? John hat alles gut im Griff. Er wird mit seiner Pamela nun doch ein Ständchen aus der lustigen Witwe präsentieren. Consuela hat sich im Bienenkostüm versteckt und Babette hat nach dem letzten Restaurantbesuch beim Griechen auf den enzianblauen Bikini verzichtet. Brigitte singt mit dem Gänseblümchen aus dem Garten, mit dem sie sich angefreundet hat und was sich durchaus seriös auf die Jury auswirken könnte. Vorm "Dorfkrug" brutzeln schon die Bratwürste auf dem Rost und die Bierhähne sind geölt. Die Moderation des Abends übernimmt der blasse Bertram, der eigentlich für die Soljanka verantwortlich war. Nun steht dem Wettbewerb nichts mehr im Weg, als plötzlich ein mausgrauer Mercedes mit warnender Warnblinkanlage vorm Dorfkrug hält. Was hatte das zu bedeuten? Consuela bekam schlottrige Knie, als sie die fremde Person in Lack und Leder an ihr vorbeilaufen sah. Consuela rannte zu John, erklärte ihm die neue Situation und flehte ihn mit den Worten an: „Verloren, wir alle sind verloren!" Sie stürmte zur Bar und kippte sich erst einmal einen Whisky hinter die Binde, das ölt die Stimme und Stimmung. Doch mit der Stimmung schien es bei Consuela vorbei zu sein. "Weißt Du" keuchte sie "wer gerade an mir vorbei stolziert ist?" Das war Polle Wetry, so war ich hier stehe. Jetzt, wo sein Absenker das Mikro übernommen hat, will er wohl hier nochmal einen Pokal abräumen. Wir müssen etwas unternehmen und zwar bevor er seine Nikotin- und Branntwein geschwängerte Stimme ins Mikro haucht. "John, lass Dir was einfallen, ich versuche derweil ihn mit meinen Charisma oder auch Spitzen-BH abzulenken". John wurde abwechselnd blass und rot. Was keiner ahnte war, dass John schon seit seiner frühesten Kindheit Polle Wetry Fan ist und nun... Seine Gedanken kreisten. War es möglich, dass er und Polle ein Duett.... Hölle, Hölle, Hölle aber auch!!!

Aus der Ferne hörte er Consuelas schrille Stimme, doch er träumte von Jessica, einfach Jessica! Einmal mit Polle Wetry Jessica singen ... sein großer Traum!!! Jessica oder Consuela? John war ganz durcheinander. Er verließ ungesehen den Dorfkrug und machte sich von hinten an den Mercedes ran. In gebückter Haltung schlich er an den zentnerschweren Leibwächtern vorbei und hielt Polle an den mit Freundschaftsbändern eingebunden Unterarmen fest. „Hören Sie, ich bin in all ihren Liedern textsicher, ich kann Hölle, Hölle, Hölle steppen, bin das gesamte Ruhrgebiet in einer Person und war auch immer im Sommer in der Stadt. Sing mit mir ein Duett!!!" Noch ehe der Schlagerbarde antworten konnte, hörte man laut und schrill eine Stimme, die die Blätter der alten Linde vorm Dorfkrug zittern ließen. „Verräter, Verräter“ schrie Brigitte und haspelte vor sich hin: "Das ist ein Double, das ist ein Double!" Brigitte kam näher und sah sich den Burschen genauer an. "Dich kenn ich doch noch aus dem Kindergartenchor" sagte sie zu dem langhaarigen Gnom. "Du bist doch der Sohn des Melkers! Wie war doch gleich Dein Name?" Der verkappte Schlagersänger wurde puderrot und lispelte leise vor sich hin: "Ja, ich bins ... Hanfried. Aber ich habe Geld und ich bin klug und hastenichtsgesehn! Und Du liebe Brigitte warst damals schon so aufmüpfig und wusstest alles besser! Wie siehst Du überhaupt aus nach all den Jahren? Dir bekommt wohl die Kloßmasse nicht? Wie viele Kilos haste denn zugenommen seit dem Abschlussball, heeee? Antworte gefälligst auf meine Frage!" Brigitte rollten sofort die Tränen über ihre dicken Backen und sie schniefte: „Ich hab doch nicht zugenommen, ich bin nur nicht mehr gewachsen! Und außerdem, mach ich gerade die neue „Brigitte-Diät“ und du wirst schon sehen, beim nächsten Klassentreffen wirst du um einen Stepptanz mit mir betteln!“ schrie sie ihn trotzig an. „Sei nicht bockig, Gittilein, du hast auch Werte und aus ner Ackermaschine muss nicht immer ein Pflanzholz werden!“ Dann schüttelte er sich den erstaunten John, der immer noch meinte, sich ins Polle´s Freundschaftsbändern verfangen zu haben, vom Arm und brüllte ihn an: „Wenn du mit dem eben Gehörten an die Öffentlichkeit gehst, kann das richtig Übel für dich ausgehen." John, völlig verstört, sagte: „Nein, ich ... ich ... ich wollte ja nur ... es wäre zu schön gewesen, mit Dir im Duett zu singen!“ Während Brigitte in einen Müsli-Riegel biss, wischte sich John die Schweißtropfen von der Stirn und Hanfried gab zu verstehen: „Passt mal auf. Wir spielen das Spiel bis zum Ende durch. Ich bleibe vorerst Polle und ihr singt im Background ganz laut mit!“ Brigitte freute sich, war sich aber nicht textsicher und schlug vor: „Wir singen aber das Lied vom Cowboy und Indianer. Das find ich so schöööön melodisch!“ Da platzte Hanfried der Kragen: „Wie kannst Du mir so was antun? Dazu fehlt mir doch das Lasso!“

Während sich die drei nicht einig wurden, kam Gunilla auf einem Bobbycar lautstark um die Ecke und sang: „Hejo, hejo, hejo, hejo ... ich bin der Champ, ich bin der Champ!“. Der DJ hatte zu tun, die Luftballons aufzupusten und die Trophäe der zukünftigen Karaoke-Siegerin zu polieren, als Consuela neben einer der 100-Watt-Boxen stand und sich die Lippen auffrischte. Ein Vögelchen saß auf dem Bühnengestänge und zwitscherte vor sich hin. Die Gäste zapften schon aus dem fünften Fass Bier, als plötzlich ein lauter Knall die sonst so dörfliche Ruhe störte. Consuela ihr Lippenstift zerbrach vor Schreck, Babette fiel in Ohnmacht und John und Hanfried wedelten Brigitte Frischluft zu. Was war passiert? Der DJ war der Einzige, der alles genau beobachten konnte und wetterte in sein Mikrofon: „Saufen wie die Großen und vertragen wie die Kleinen, na das fehlt mir noch! Jetzt mal schnell 5 starke Männer zur Pauke und die Schnapsdrossel da raus gezogen!“ Alle Blicke fielen auf die Pauke, die in tausend Trümmern in der Ecke stand. Mitten aus den Überresten des Instrumentes sah man eine lockige Haarpracht und hörte ein vogelähnliches Gezwitscher. „Komm auf die Schaukel Luise“ sang Gräfin Gunilla volltrunken und wackelte mit den Beinen. Der DJ, dem das ganze Theater auf die Nerven ging und er dieser Veranstaltung auch nur zugesagt hatte, weil er jung ist und das Geld braucht, macht dem Elend nun ein Ende. Er zog Brigitte am Ärmel auf die Bühne, reichte ihr den Siegerpokal und Brüllte ins Mikrophon: „ Du hast gewonnen, du hast zauberhaft gesungen, du trinkst dir jetzt noch einen, ich pack hier meine Zeug zusammen und dann gehen wir zu mir oder zu dir und basta!!" Brigitte noch völlig überrumpelt, meldete sich wie ein ABC-Schütze und rief: „Ich bin eine Frau nur für mehrere Nächte! Entweder Du heiratest mich gleich oder Du kannst heute Nacht bei den Hühnern schlafen!“ Das war dem DJ dann doch ne Mütze zuviel, zumal er schon die ganze Zeit ein blinkendes Auge auf Consuela geschmissen hatte. Die starrte immer noch auf ihren zersprengten Lippenstift, der inzwischen blau angelaufen war. Babette wurde langsam wieder munter und John versuchte, den in Fahrt geratenen Bierwagen mit einem langen Seil zu stoppen. Der Mond färbte sich grau und die Fledermäuse klauten sich die letzten Bratwurstschnippel unter den Tischen. John und Hanfried tranken mit einer feigen Pflaume Brüderschaft und torkelten in Richtung Schlossküche.

Der Einzige, der die Siegerehrung verpasste, war Guiseppe. Er saß ganz ruhig auf einer frisch gestrichenen Gartenbank und verschaffte sich mit seinem Multifunktionsfernglas einen Überblick über sein Feiervolk. Und wie er so durch die beiden Lupen lugte, wurde ihm ganz mulmig in der Magengegend. „Nein, ooooh Nein ... das darf nicht sein!“ schrie er auf und rannte in Richtung Tannenlichtung. Erst dachte er, Gunilla hätte sich im Dickicht verhäddert, aber nein. Zum Glück hatte er seine Minitaschenlampe in der Hosentasche. Wie ein Cowboy ließ er diese in die Luft schnellen. Doch was er da zu sehen bekam, ging auf keine Kuhhaut. Auf einmal spürte er eine Hand auf seiner Schulter und eine Stimme flüsterte ihm ins Ohr: „Seppilein“ flüsterte eine ihm vertraute Stimme. „Seppilein, kennst mich noch?“ Pfeilschnell schoss Guiseppes Kopf in Richtung der schattigen Person. Wie eine Elfe aus Goethes Erlkönig stand sie da. Dieses engelsgleiche Wesen! Natürlich kannte er sie! Sein Herzschlag hörte man wie eine Dorfglocke. Sie war hier. Alles andere vergessen. Wenn interessierte es jetzt noch, ob Gunilla sich in Quecken verhakelt hatte oder ob sie wieder im Vollrausch den Dorfbürgermeister verführte. Alles egal!! Sie war da!!! Sie, die ein halbes Leben in seinem Kopf wohnte. Sie, mit der er alles erkundete, was in der Jugend interessiert und auch nicht. Er erinnerte sich an alles. An den Duft ihrer Haut, wenn sie in Badusan gebadet hatte, den Duft ihrer Haare, die sie mit Birkin Birkenhaarwasser getränkt hatte, das Gefühl, wenn er über ihre Dederon-Kittelschürze strich und an das Mininetz, welches sie trug, wenn es im Dorfkonsum Weiß- und Rotkraut gab. SIE WAR DA!!! Odalinde sah Guiseppe eindrucksvoll an und lispelte: „Du hier, ich freu mich ja soooooo! 31 Jahre warte ich auf diesen Augenblick, Seppl. Und nun ist es soweit. Kneif mich mal, Seppl, sonst glaub ich das nicht. Lass Dich anschauen, mein adliger Held. Deine Haare noch so voll, deine Finger noch so lang. Kein Pickel im Gesicht, wie machst Du das? Aber seit wann kringeln sich an deinem rechten Ohrläppchen so komisch blonde Härchen?“ Guiseppe antwortete benommen: „Odalinde, lass doch meine Ohrläppchen Ohrläppchen sein und guck auch mal auf meine vorteilhafte Hüfte. Ich habe mich kaum verändert. Genau wie Du, meine Odalinde!“ Sie hauchte: „Seppilein, Deine Nasenlöcher sind etwas größer geworden. Aber das soll mich nicht stören!“ Guiseppe war nun leicht genervt: „Odalinde, wenn ich mich recht erinnere, stand dein kleiner Zeh zwei Zentimeter über der Sandale. Was soll das? Was machst Du überhaupt hier?“ Odalinde richtete ihre Brüste auf und bog sich ein Hohlkreuz. „Mensch, Seppi, wenn ich Dir das erzähle, dann fällst Du um. Ich hatte da neulich an einem Gewinnspiel teilgenommen. 5 Tage später klingelt mein Telefon. Die Redaktion von „Frau am Herd“ teilte mir mit, ich wäre die Hauptpreisträgerin. Ich sollte am Freitag um 08.00 Uhr an der Bushaltestelle stehen, sie würden mich da abholen. Es kam aber kein Bus, dafür ein junger Mann mit einem Tandem. Der hatte ein Fähnchen vorn am Lenkrad mit der Aufschrift „Zur Kaffeefahrt – bitte folgen!“ Guiseppe liefen die Tränen über die nicht rasierten Wangen und er schluchzte: „Das ich das noch erleben darf! Mit einer Kaffeefahrt fing unser Glück an. Weißt du noch? Die Fahrt an den Gardasee mit dem Ruderboot?“ „Na das weiß ich noch genau!“ rief Odalinde aufgebracht „Sie hatten uns ein Service aus der Porzellanmanufaktur Meißen versprochen. 76teilig und was haben wir bekommen? Ein Party-Set mit 54 Trinkhalmen und 11 Pappbechern und 11 Papptellern! Unerhört! Aber egal, das Design war schön und ich nutze sie immer noch.“ Odalinde lehnte sich an Guiseppe und hauchte ihm ins Ohr: „Jetzt wo ich dich fand, hier am Wegesrand, wie das Heidenröslein…jetzt geb ich dich nie mehr her und wenn du mich heute noch einmal fragst, dann sag ich ja und unsere Hochzeitsreise wird ´ne Kaffeefahrt. Versprochen!“ Wie jetzt? Guiseppe war völlig verwirrt. Wer fragt hier wen und wer macht ne Kaffeefahrt und womit fährt man dann? Von weitem hörte man lautes Jauchzen. Gunilla hatte sich doch nicht in der gemeinen Wald- und Wiesenquecke verfangen. Es war der Dorfbürgermeister, in dem sie steckte oder umgekehrt. Guiseppe schnappte sich Odalinde und riss sie mit sich fort. Odaline rief:

"Ach, Guiseppe, was ich Dir noch sagen wollte ... der junge Mann mit dem Tandem wartet an der Lichtung. Er bekommt noch 50 Euro von Dir!" Odalinde war raffiniert und kannte sich im Umgang mit reichen Männern aus. Guiseppe hingegen überhörte diese Ansage, weil er im gleichen Augenblick über einen Butterpilz stolperte, die Haltung verlor und mit Schwung gegen eine Latschenkiefer schlug. Seine Sonnenbrille flog im hohen Bogen in Richtung Maisfeld. "Autsch" jammerte Guiseppe. Doch Odalinde nutzte diese Situation schamlos aus. Während Seppl ohnmächtig zu Boden sank, stahl sie ihm in Windeseile Hemd und Hose samt den 25 Geldscheinen aus der rechten Socke. Odalinde lief so schnell sie konnte aus dem Wald, vorbei an rölpsenden Hirschen und klingelnden Spechten. Als sie vom Angstschweiß gebadet an der Lichtung ankam, hoffte sie im flotten Galopp aufs Tandem springen zu können. Aber Olli, der blonde Mann mit dem Tandem hatte nur eine pinkfarbenen Haftnotiz an einer hellblauen Anemone hinterlassen, auf der geschrieben stand: "Odalinde, du Luder! Ich habe dich beobachtet und ich sage dir, auf meinem Tandem ist kein Platz mehr für dich! Ich bin kein Mann für eine Fahrt und Zechpreller haben bei mir eh keine Chance!" Schnippisch drehte Odalinde den Kopf, warf ihr wallendes Haar über die Schulter und dachte: "War eh nur ein armer Schlucker. Gut das ich die Scheinchen noch mitgenommen habe. Damit fange ich ganz neu an." Doch als sie ihre Beute zählen wollte, traf sie fast der Schlag. Kein Geld! Kein Neuanfang! Kassenbons und Quittungen aus dem Bau- und Gartenmarkt hielt sie in ihren Händen. Odalinde sank weinend am Straßenrand zusammen, da blinkerten plötzlich zwei Lichter auf. Das ist vielleicht meine neue Chance, dachte sie und schwuppdiwupp wedelte sie mit einem gelb verfärbten Spitzentaschentuch, welches sie mal von ihrer Nachbarin geschenkt bekam, als sie deren Kaktus während der Urlaubszeit betreute. Der Kaktus ging aber doch noch vor Weihnachten ein. Die Lichter kamen immer näher und Odalinde tanzte wie verrückt von links nach rechts über die Straße. Sie sah einen Mann mit Hut am Steuer. Der musste kurz vor ihren Schuhen eine Vollbremsung machen. Odalinde weiß genau, was sie will. Der Mann mit dem Hut weiß es nicht. Der polterte aus seinem alten Skoda heraus und brüllte: „Madame, was haben sie heute morgen gefrühstückt?“ „Ein Kaninchen, Monsieur!“ Der Herr räusperte sich und meinte: „Also mit dieser Antwort kommen Sie nicht weit, junge Frau! Ich hätte sie ja ein Stück weit mitgenommen, aber in meinem schmucken Skoda hab ich keinen Platz für Tänzerinnen. Was soll meine Frau von mir denken, wenn uns der Pfarrer an der Kirche vorbeifahren sieht.“ „Ach, verheiratet sind sie auch noch?“ Odalinde sah keinen Ausweg mehr und machte das, was eine Frau eben ab und an mal tun muss. Sie zauberte ihren kleinen Taschenspiegel aus ihrem Rocksaum und zog mit einem flotten Schwung im Handgelenk ihre spitzen Lippen glutrot nach. Der Fremde, der eben wieder in seinen knallgelben Skoda steigen wollte, hielt inne. Er riss die Augen auf, starrte Odalinde an und wisperte: "Sie sehen ja aus wie Hildegard Knef in ihrer besten Zeit. Oh Mann, war ich mal verliebt in sie. Wissen sie was? Springen sie auf meinen leopardengemusterten Beifahrersitz und wecken sie den Tiger in mir!" Odalinde zierte sich ein wenig und fragte wie ein wohlerzogenes Mädchen (das konnte sie gut, sie hatte ein duzend mal im Bauerntheater die fromme Helene gespielt): "Was sagt denn ihre Frau und der Pfarrer dazu?"

"Keine Ahnung!" meinte der Fremde "ich fahr nicht an der Kirche, sondern am Wirtshaus vorbei. Da sitzt er nie, er ist katholisch! Und außerdem bin ich auf der Suche nach einem türkisfarbenen Anzug und einem orangefarbenen Tandem! Dazu brauch ich Ihre Hilfe!" Odalinde zuckte zusammen: „Was wollen Sie denn damit anfangen, wenn Sie es gefunden haben?“ „In den zweiten Frühling hineinfahren, was denn sonst!“ meint der Fremde. „Oh“ fiepste Odalinde „der blonde Olli hat ein Tandem, vielleicht fährt er ja mit ihnen in den Frühling. Ich möchte nicht in den Frühling, ich möchte eher nach Dubai!“ Der Fremde wurde blass: „Nach Dubai? Wie langweilig! Ich kenne keine Frau, die da nicht hin will!“ Odalinde merkte sofort, dass sie es hier mit einem Geizhals zu tun hatte. Der Fremde fuhr mit 170 Sachen ins Dorf hinein. Odalinde hatte unter ihrem Sitz eine Thermoskanne mit kalten Kaffee gefunden. „Der Fremde war schon lange unterwegs“ dachte sie so vor sich hin, als sie durch eine Vollbremsung in den Sportsitz gedrückt wurde. „Was´n nun los?“ rief Odalinde, „Fahren wir nun doch nach Dubai?“ „Quatsch Dubai, ich fahre und zwar zu meiner Frau, die ist mit ´ner Kaffeefahrt zu Frieden. Du steigst aus, du geldgieriges Luder!“ Der Fremde öffnete per Fernbedienung die Beifahrertür und schubste Odalinde aus dem Wagen. Noch verdattert von diesem Vorfall stand Odalinde am Dorfbrunnen und sehnte sich nun nach einem Froschkönig oder anderem Getier der Gebrüder, welches Wünsche erfüllt! Ein Traum! Was wollte er mit einem Tandem? Und wofür den türkisfarbenen Anzug? Ist denn schon wieder Karneval oder trägt Deutschland zur diesjährigen Tour de France Türkis? „Ach wäre ich doch bei Guiseppe geblieben.“ jammerte sie laut vor sich hin. Guiseppe, die zarte Consuela, die süffige Gunilla, die dralle Brigitte, der smarte John und, und, und… Was war da eigentlich los? Im Dorf dämmerte der Morgen und Guiseppe klopfte an die verschlossene Schlafzimmertür und flüsterte „Gunilla, liebste Gunilla … sei nicht traurig, dass Du nicht das Marzipanschloss gewonnen hast. Brigitte, die Dicke, wird schon sehen, was sie davon hat. Und ich bin auch nicht sauer, dass Du mit dem Ortsbürgermeister die Hecke ruiniert hast. Odalinde ist für Dich keine Konkurrenz. Sie wollte nur mein Geld … meine Socken hat sie bekommen. Ich will zu Dir, Gunilla, nur zu Dir!“ Der Graf wischte sich die Tränen aus den Augen, als Consuela an ihm vorbei hopste. „Na Vati, lässt Dich Mama nicht hinein?“ Guiseppe sah seiner Tochter streng ins Gesicht und schimpfte: „Such Du Dir einen Ehemann!“ Da konterte Consuela sofort: „Hab ich schon, hab ich schon … ich habe Matze Müller einen Antrag gemacht. Der hat von seiner Oma einen uralten Besteckkasten geerbt. Die Löffel liegen so schön auf der Zunge!“ Das letzte Wort hatte Consuela noch nicht ausgesprochen, stand Gunilla mit ihrer Quarkmaske vor der Tür und wieherte: „Den Matze nimmst Du nicht … niemals! Der hat neulich Johns Frau Pamela, die Nussplätzchenbäckerin, auf einen Hefeteig gesetzt, damit sie geht!“ Und Guiseppe setzte noch einen dazu, indem er aufgeregt zufügte:

„Und denke nicht, das du den Matze nimmst, mich zum nächsten Weihnachtsessen einlädst und ich mit dem Silberbesteck esse … NIEMALS! Silber an meinen Amalganimplantaten ist ja wie quietschiges Kratzen an der Schultafel von Lehrer Lömpel. Nää … da, mach ich nicht mit! „Tzzzz“ zischte Consuela, „bekommt ihr mal euer Leben in den Griff, da habt ihr zu tun wie in der Ernte!“ Gunilla´s Augen blitzten auf, sie erhob ihre Hand und es klatschte! „Freche Göre“ schrie sie ihre Tochter an. Dieser schossen die Tränen in die Augen und sie brüllte: “Das war zu viel! Die Mutter ´ne Schlägerbraut und der Vater ein Dussel! Ich zieh aus!“ Sie rannte in Ihr Zimmer, nahm ihre lila Lacktasche, schmiss mit schnellen Handgriffen ein paar Designerstücke hinein, griff noch nach dem dreiarmigen Kerzenleuchter aus Silber und wollte verschwinden. Unten wartete Matze Müller auf sie. Er hatte den Handwagen dabei und wollte die blaublütige Braut auf seine Almhütte fahren. Als Consuela aus dem Zimmer rennen wollte, stellte sie fest, dass es noch nicht aller Tage Abend war. Sie erinnerte sich, als sie sich in ihrem großen goldenen Spiegel betrachtete, dass Brigitte fürs nächste Wochenendessen Gänsekeule mit Rotkohl und Klößen geplant hat. Jetzt kam Consuela ins Wanken. Sie öffnete ihr Fenster und rief: „Hey, Matze … es dauert noch ein paar Tage, bis Du mich im Handwagen in den Hafen der Ehe fahren kannst! Was nützt mir ein silberner Löffel, wenn er in einer Tütensuppe rührt?“ Matze erwiderte ganz aufgebracht: „Consuela, du verwöhntes Biest, selbst eine Tütensuppe kann man mit nem Schuss Brandy verfeinern! Dann bleib doch, Du blöde Kuh, ich lass meine Tür ab heute für Dich für immer zu!“ Consuela warf ihre Lacktasche in die Ecke, steckte ihre Strapse wieder zwischen die Socken, rief ihre Freundin Babette an und informierte über die geplatzte Hochzeit und lief sofort hinunter in die Küche zu Brigitte. Die schwere Küchentür klemmt wie immer die ersten zwei Meter. Consuela konnte Brigitte kaum erkennen, so brodelte es am Herd. Die Küche ähnelte eher einer Sauna und Brigitte hatte sich ihr Stirnband schon angelegt. Consuela hob ungeniert den Deckel des größten Topfes an. Hysterisch schrie sie: „Gääänsekeule, es soll doch Gänsekeule geben und nicht Büchsengulasch! Was ist eigentlich hier los? Macht nun ein Jeder was er will? Sind wir etwa pleite?“ Sie schmiss mit dem Topfdeckel nach der schwitzenden Brigitte, die gerade dabei war das Gulasch mit 2 Litern Wasser zu strecken. Consuela rannte wie vom Teufel gejagt die Treppe rauf, blitzschnell in die Bibliothek und warf mit einem Wisch die 37bändige Lexikasammlung aus dem Regal und suchte nach der Kassette mit den Wertpapieren, den Sparbüchern, dem Schmuck von Großmutter Sommerfeld und dem Bargeld. Wo war die Kassette? Immer stand sie da … IMMER! Schon als Kind hatte sie zweimal wöchentlich ihren Kinderstuhl an die Schätze gerückt und gewusst, das ist ihre Zukunft! Consuela sank auf dem Boden zusammen und mit ihr all ihre Träume. Plötzlich sprang sie auf, lief zum Fenster und rief in die Dunkelheit: „Maaaatze, Matzeee…“ Da ging die schwere Bibliothekstür auf und Hongard Hurtig betrat den Raum. Hongard ist nur 1,66 m groß, aber flink wie ein Wiesel. Er ist der Sohn vom Bauer Spätzünder, der hier im Umkreis die größten Rhabarberfelder besitzt. Jedes Jahr gibt es ein Rhabarberfest, an dem am Ende des Abends die „Rhabarbermama des Jahres“ gekürt wird. Hongard verkauft auf dem Markt zweimal die Woche Rhabarberblätter an große stattliche Herren. Aber von dem Geld kann er nicht leben. So hat er noch einen Minijob. Er überbringt persönliche SMS-Nachrichten. Seine Kundschaft, sein Klientel sind Menschen, die handylos durch die Gegend irren und denen die Spucke für die letzte Briefmarke fehlt. Hier hat Hongard auf das große S gesetzt und das Geschäft läuft wie gesimst. Hongard sah Consuela, die immer noch nach Matze schrie, und rief: „Consuela, ich habe ein paar Buchstaben für Dich! Der Medizinmann Hagen fragt heut an, ob er Dich mal treffen kann. Er hat wohl mit Francois gebrochen, dafür mit dessen Frau gesprochen!“ Consuela, kreidebleich gerade geworden, hielt inne. Sie schaute auf ihren großen Zeh, der unkontrolliert zuckte und sie sagte ganz behutsam:

„Ist es denn wahr, darf ich es sagen? Für mich interessiert sich Medizinmann Hagen?“ Hongard war wortlos, auf Gegenfragen hatte er doch gar keine Antwort. Consuela kramte in der Tasche ihres Sommerkleides und warf ihm die 17 Cent zu, die er für das Überbringen der Botschaft bekam. Dann tippte sie ihm Hagens Nummer auf die Stirn und meinte: „Lieber Hagen, ich will dir sagen, ich hätte gern ein Treffen, doch lieber mit deinem Neffen!“ Hagens Neffe war der sportliche Loisl, der den letzten Gummistiefelweitwurf beim Dorffest gewonnen hatte und eine Siegprämie in Form einer kleinen Hühnerzucht mit nach Hause nehmen konnte. Consuelas Blick wirkte ganz verklärt, wenn sie an Loisl dachte. Das war ihre nun allerletzte Chance, hier doch noch rauszukommen und mit einer Ich-AG in die Selbstständigkeit zu entfliehen. Eier, mundgeblasen und mit einer Feder bemalt, konnten zur nächsten Kirchweih, so um Ostern herum, der Renner werden. Hagen wäre auch kein schlechter Fang, aber der war mindestens 67 Jahre alt und auch schon ein wenig klapprig. Was würde ihre beste Freundin Babette dazu sagen? Dann schon lieber Loisl. Sie drehte sich um und sah Hongard, der immer noch im Türrahmen stand. Sie gab ihm einen Schubs und meinte: „Hopp hopp, Hongard … such mir den Loisl, damit ich wieder glücklich werde!“ Das lies sich Hongard nicht zweimal sagen und zwitscherte die Feuerleiter hinunter. Noch eh Consuela rufen konnte: „Hongard, ich habe aber noch 137 Zeichen frei!“ war Hongard schon durch die lichte Waldschneise gesaust. Das Telefon klingelt. „Ja bitte, Babette?“ Babette fing an zu schnattern: „Consuela, der neue Conferencier vom Comer See spielt morgen ein Concerto grosso und malt eine Collage mit Cognac. Interessiert Dich das?“ Consuela benahm sich benommen: „Nöö Babette, auf keinen Fall! Die Babuschen aus Babylonien hängen beim Bäcker Brotkrum backbord in Balance! Das finde ich viel schöner!“ Darauf Babette: „Consuela, ich habe eben Flitzpiepe Hongard durchs Dorf rasen sehen. Gibt es dafür einen Anlass?“ „Ja, Babette, er sucht nach dem Loisl, dem Mann meiner Träume und überbringt ihm 80 Buchstaben!“ „Nich wahr … Du meinst den Loisl Liebmichgans … der Loisl mit der neu eröffneten Hühnersuppenbar am südlichen Dorfausgang? Nein, Consuela, da setzt Du auf den falschen Hahn. Ich kann Dich nur warnen. Denn der Loisl hat gerade erst gestern Mittag wieder Schlagzeilen von sich gemacht! Der hat doch tatsächlich seine Hühnersuppe aus Bodenhaltung mit Stangenhühnern versetzt und mit geimpften und gepimpten Sellerie verfeinert. Ich weiß das genau, denn meine Stiefmutter hat eine Sellerieallergie und reagiert auf Hühnerfedern mit einem Ausschlag. Und weißt du was? Den Ausschlag hat mein Vater abbekommen und der hat nun ein dickes Auge.“ „Was interessiert mich denn das dicke Auge deines Vaters? Mein Lebensglück hängt vom Loisl ab!“ schrie Consuela ins Telefon. Sie ging zum Kleiderschrank, öffnete ihn und nahm ein Brautkleid vom Bügel. 15 Jahre hing es nun dort und es sollte endlich zum Einsatz kommen. Consuela wollte einen Mann, koste es was es wolle! Sie hatte schon ein bisschen Angst, dass die Küchenfee Brigitte vor ihr heiraten würde. Der Loisl will mich, dachte sie bei sich und ich hab auch schon ne Idee, wie ich ihm einen Antrag mache. Was Großes, Auffälliges muss es sein. Im Internet suchte sie zielsicher nach dem Liebes-Caravan und einem Hühnerkostüm. Sie sang leise vor sich hin: „Wer Chicken hat, wer Chicken hat, der gackert gemütlich ums Suppenfass!“ Babette war schockiert, wie sie Consuela so reden hörte und fügte kühl hinzu: „Und das alte Brautkleid, welches Du gerade aus dem Schrank kramst, hatte neulich Brigitte zum Dosenbierweitwurf in der Dorfschänke an! Ich habe sie in diesem Kleid rumhüpfen sehen. Dazu trug sie einen blauen Schleier mit einem aus Plaste gebastelten Hubschrauberpropeller oben drauf. So, meine liebe Consuela, sieht nämlich die Wahrheit aus!“ Babette beendete dieses nun doch noch ernsthaft gewordene Gespräch und Consuela stand, wie immer in so einer Situation, starr vor ihrem goldenen Spiegel. Sie schaute zerknautscht hin und her, als das Handy ein zweites Mal klingelte. Ihr Klingelton, ein Lied von der ewigen Liebe, war so betörend und sie drückte auf die Hörertaste: „Ja bitte, hier die Consuela“. „Jepp“ sprach der Mann am anderen Ende „ich bin der Loisl Liebmichgans, man nennt mich auch den Flötenfranz. Der Hongard sitzt grad neben mir und trinkt mit mir ein Fläschchen Bier. Hossa! Ich habe gehört, Du willst mich heiraten, yeppie. Du, mein Froilein, bekommst mich aber nur zum Manne, wenn ...

…du ein vierteljähriges Praktikum in der Eiersortierung absolvierst und mir ein erstklassiges Zeugnis vorlegen kannst! Was nützt mir eine Frau von Welt, die von Eiern gar nichts hält, die nur immer dann und wann, ein Ei in die Pfanne hauen kann.“ Consuela starrte abwechselnd auf den Hörer und dann auf ihre pinklackierten Fingernägel. Eier sortieren? So hatte sie sich ihr Leben an Loisl Seite nicht vorgestellt. Sie träumte von Geld, Hühnchen vom Grill, Gartenpartys und standesgemäßen Empfängen und ab und zu mal an einem Eierlikör nippend. Nö, nö, nö Loisl…so nicht! Sie schrie den ihn an:“Schick mir sofort den Hongard, ich hätte dir ne wichtige SMS zu schreiben! Und jetzt flott, bevor meine erste Wut in Rauch aufgeht!“ Sie knallte den Hörer auf die Gabel, riss das von Brigitte versaubeutelte Brautkleid in Fetzen und machte sich ran, im Branchenbuch nach einem geeigneten Kloster zu suchen. Da kam ihr plötzlich der rettende Einfall: ...

